Dubiose Praktiken einer Londoner Firma in Graz
Eine Londonder Briefkastenfirma beschäftigt in der Steiermark Leute, die sie nicht bezahlt. Arbeiterkammer und GKK registrieren vermehrt dubiose Firmen, gegen die auch Verfahren laufen.

Foto © APA/SujetArbeiter schuften für eine Limited und schauen finanziell durch die Finger
Seit Monaten bekommen Bakim S. und weitere sieben Arbeiter kein Geld von ihrer Firma "Eurosteel Limited" ausbezahlt, obwohl sie 200 Stunden und mehr im Monat am Bau schuften. Und wie zum Hohn werden sie völlig legal von dieser Firma auch noch zur Kassa gebeten. Die Arbeiter tragen nämlich nicht nur die Melde- und Beitragspflicht für ihren eigenen Arbeitnehmeranteil bei der Gebietskrankenkasse (GKK), sondern auch den des Arbeitgebers. "Das ist nach dem EU-Artikel 109 Verordnung 574/72 tatsächlich möglich", sagt Christian Dobersek von der Gebietskrankenkasse. In der Krise und mit der Chance auf einen Job strecken die Arbeitnehmer 38 Prozent ihres Lohnes vor, und schauen durch die Finger.
Die EU-weite Niederlassungsfreiheit erlaubt Rechtsformen wie der britischen Limited, in anderen Ländern aktiv zu werden, ohne dort eine Niederlassung zu haben. So auch die Eurosteel Fitting Limited, London N13 4BS, 483 Green Lanes, die in der Steiermark ihren Geschäften nachgeht. Tätigkeitsbereich sind der Stahl- und Portalbau und Verglasungen. Sogar auf einem mit Architekturpreisen überhäuften Bau in Graz war man tätig, erzählen die Arbeiter. Im heimischen Firmenbuch ist keine Niederlassung der Firma bekannt, so die Wirtschaftskammer. Auch Bakim S. bestätigt: "Treffpunkt war immer nur die Baustelle, auf der wir gearbeitet haben. Eine Firmenadresse gibt es nicht." Zwölf Leute sind beschäftigt. Bakim S. und seine Kollegen haben nach drei Monaten gekündigt, weil nie Geld kam. Sie warten noch immer. Kürzlich hat die Firma drei neue Mitarbeiter aufgenommen.
Wolfgang Nagelschmied von der AK-Rechtsabteilung registriert eine starke Zunahme undurchsichtiger Limiteds am steirischen Arbeitsmarkt. "Die Gründung mit einer Stammeinlage von einem Euro macht es jedem leicht. Strohmänner agieren, die Adresse in London verhindert jeden Zugriff der hiesigen Behörden. Oft handelt es sich bei solchen Firmen um illegale Ausländerbeschäftigung", weiß Nagelschmied. Solche Firmen "schießen wie Pilze aus dem Boden und sind dann wieder weg". Allein 20 Verfahren gab es wegen solcher Firmen in den letzten Monaten.
"Genehmigter Betrug"
"Das ist staatlich genehmigter Betrug an Arbeitnehmern. Ich habe die Versicherung vorgestreckt und bekomme von der Firma kein Geld. Ich muss aus meiner Wohnung ausziehen, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen kann", so Bakim S..
"Vertreter" der Firma in der Steiermark ist Felix W., der in der GKK amtsbekannt ist und sich gegenüber der Kleinen Zeitung lediglich als "Vorarbeiter" von Eurosteel ausgibt. Warum die Firma nicht zahle, könne er nicht beantworten.
Mit S. habe er vereinbart, wenn er bis Ende November kein Geld bekomme, bezahle er das selbst aus seinem "Spesenkonto". Wer der Chef von Eurosteel ist? "Das geht Sie nichts an", kommt die flapsige Antwort. Die eingeschalteten Behörden wie die Polizei sind machtlos. Der Boss der Firma sitzt ja offiziell in London.
Features
Limited
Die britische Unternehmensform Limited kann bereits mit einem Kapital von 1 Pfund gegründet werden.
Als britische Firma kann sie gemäß EU-Niederlassungsfreiheit in allen EU-Staaten agieren, ohne dass dort eine Zweigniederlassung nötig ist.
Trotz österreichischem Arbeitsrecht kann eine Limited hier legal Arbeitnehmer auch die Arbeitgeberbeiträge bei der GKK bezahlen lassen.














