Die Stadt der 161 Nationen
Jeder siebente Grazer kommt aus dem Ausland, in manchen Bezirken ist es jeder vierte: Wie geht eine Stadt damit um, wenn sie sich selbst fremd wird?

Foto © APA/Sujet
Graz kann die Realität nicht länger ignorieren. Der Ausländeranteil wächst kontinuierlich, aktuell liegt er bei 14,6 Prozent, rechnet man Eingebürgerte dazu, erhöht sich der Prozentsatz weiter. 161 Nationen versammeln sich im Welt-Städtchen. Nun erkennt auch die Politik, das dezentes Wegschauen zu wenig ist. Bürgermeister Siegfried Nagl startet mit den Grazer Partnerstädten wie Sofia oder Pecs eine EU-weite Integrationsoffensive - und muss auch vor der eigenen Rathaustür kehren. Denn die Zahlen legen einen massiven Handlungsbedarf offen. Während insgesamt jeder siebente Grazer aus dem Ausland kommt, ist es in den Bezirken Gries und Lend rund jeder vierte. Dafür liegt der Ausländeranteil in manchen Randbezirken unter zehn Prozent (siehe Grafik).
Viele Grazer fühlen sich in der eigenen Stadt fremd, die türkische Gemeinschaft hat den Gries-Platz längst in Klein-Istanbul umbenannt. Wie umgehen mit der Situation, die manche als Ghettoisierung bezeichnen? "Die Antworten liegen im Kleinen", sagt Brigitte Köksal, Leiterin des Grazer Integrationsreferates. Die Ghettoisierung ist ein typisch städtisches Problem. "In England spricht man von Communities, also Gemeinschaften. Da spaziert man durch die pakistanische Community und so weiter. Aber Ghetto ist gleich einmal negativ besetzt." Die eine Lösung, den großen Wurf gibt es nicht aus ihrer Sicht. "Es ist viel gewonnen, wenn wir einen Nachbarschaftsstreit lösen. Das ist auch realistischer, als große Strategien zu planen." Denn wie soll man mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Magistratsdienst bekommen, wenn es einen Auf
nahmestopp gibt? Wie soll man die Ghettoisierung durch eine Wohnungsmarktpolitik aufbrechen, wenn keine neuen Gemeindewohnungen gebaut werden?
Des Rätsels Lösung: "Wir müssen die Menschen zusammenbringen." Die Frage ist das "Wie". Einmalige Integrationsfeste verpuffen, der Effekt ist gleich null. Eine Möglichkeit wäre ein gut funktionierender Naschmarkt auf dem Griesplatz. Köksal: "Das könnte ein echter Begegnungsort sein." Könnte. Der erste Versuch 2003 ist ja kläglich gescheitert. Aber damals war die Politik auch noch auf Ignorieren eingestellt.
Teil 2 am Dienstag: Die Gesichter der Vielvölkerstadt
Schulen
Babylonische Sprachverwirrung herrscht in vielen Grazer Kindergärten und Volksschulen. Alarmierend: Im gesamten Bezirk Gries haben 86,86 Prozent aller Volksschüler eine andere Muttersprache als Deutsch, in Lend sind es 73,73. Am anderen Ende liegt Mariatrost mit nur 8,42 Prozent.
Top-Nationen
In Graz leben 218.163 Österreicher mit Hauptwohnsitz, das sind 85,4 Prozent aller Grazer. Von den anderen Nationen sind die Bosnier mit 4579 Menschen am stärksten vertreten, gefolgt von Kroaten (4281), Türken (3623), Deutschen (3560) und Rumänen (2400).
Kinder
Der Ausländeranteil in Graz wird weiter steigen. das belegen die Zahlen der 0-4-Jährigen: 9476 Österreicher mit Hauptwohnsitz stehen hier 2283 Migranten gegenüber. Das ist ein Anteil von 19,4 Prozent - im Gesamten liegt dieser Anteil ja bei 14,6 Prozent.















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