Fall Kampusch: Pannen, Lügen und kein Motiv
Im Fall Natascha Kampusch geht es nicht nur um Mittäter: Auch das Motiv ist völlig ungeklärt.

Foto © APANatascha Kampusch
Schlampige Ermittlungen, Pannen, Lügen, Vertuschung: Der Fall Kampusch scheint noch lange nicht geklärt. Gegen Ernst H., einen Freund des Entführers, wird mit Nachdruck wegen Verdachtes der Mittäterschaft an der Entführung von Natascha Kampusch ermittelt. Aber warum erst jetzt? Das ist eine der vielen Fragen, auf die es bisher keine Antworten gibt. Der Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher, in dessen Händen sich der Ermittlungsakt seit einigen Monaten befindet, ortet Verdachtsmomente gegen Ernst H. Vor allem jene Stunden nach der Flucht von Natascha Kampusch seien aufklärungsbedürftig. Ernst H. hatte Wolfgang Priklopil im Donauzentrum abgeholt. Dorthin war der Entführer vor der Polizei geflüchtet.
Aufklärungsbedürftig
Danach waren die beiden Männer stundenlang zusammen, ehe Priklopil von einem Zug überrollt wurde. Er war nicht gesprungen, er lag auf den Gleisen. Selbstmord, stellte die Polizei fest. "Dieser letzte Nachmittag gibt in verschiedenen Punkten Anlass zu Erhebungen", sagt der Oberstaatsanwalt. "Es besteht der Eindruck, dass uns Ernst H. nicht die volle Wahrheit gesagt hat. Das ist sehr, sehr aufklärungsbedürftig, was nicht heißt, dass der Selbstmord in Frage gestellt wird." Ernst H. hatte stets behauptet, von der Entführung nichts gewusst zu haben. Ein Aktenvermerk einer Wiener Polizistin weist in eine andere Richtung: Als man H. mit Priklopils Tod konfrontiert habe, soll er gefragt haben, ob er Kampusch umgebracht hat.
Es geht aber nicht nur um die Frage nach einem möglichen Mittäter. Auch das Motiv für die Entführung ist völlig ungeklärt. Geht es um Kindesmissbrauch, wie der steirische Ex-Richter Martin Wabl vermutet? Aus Ermittlungsakten sickerte im Herbst 2008 durch, dass Wolfgang Priklopil ein umtriebiges Mitglied der Wiener Sado-Maso-Szene gewesen war. Hängt der Fall Kampusch mit einem Pädophilenring zusammen? Die Sache sei noch nicht vom Tisch, meint dazu Thomas Mühlbacher kryptisch. Vor allem der Umstand, dass Priklopil mit dem gerade entführten Opfer stundenlang in einem Wald gewartet hat, gibt den Ermittlern zu denken. Das Opfer sagte aus, er habe gewartet, "die" seien aber nicht gekommen. Wer sind "die"? Der Entführer habe nervös und ratlos gewirkt.
Ermittlungen gebremst
Kampusch wurde am Morgen des 2. März 1998 in Wien-Donaustadt entführt. Aber erst am späten Nachmittag brachte sie der Täter in sein Haus nach Strasshof. Das Verlies soll er erst später gebaut haben. Hat Wolfgang Priklopil Natascha Kampusch für jemand anders entführt? Wenn ja, was ist schief gelaufen? Und warum wurden die Ermittlungen der Polizei nach dem Auftauchen des Opfers gebremst? Eine junge Polizistin hatte zu Natascha Kampusch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, wurde dann aber von den weiteren Befragungen ausgeschlossen. Das Tagebuch der Entführten musste sofort dem Untersuchungsrichter übergeben werden. Es landete im Gerichtstresor und wurde dem Opfer ausgehändigt.
Im Haus von Priklopil wurden angeblich Datenträger und Fotos sichergestellt. Die Auswertung soll "von oben" gestoppt worden sein. Wer hatte Interesse an der Blockade der Polizei-Arbeit? Wollte man tatsächlich nur das Opfer schützen, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet? Aber auch rund um die Person Natascha Kampusch sind Fragen unbeantwortet geblieben: Sie begleitete Priklopil bei Einkäufen, die beiden waren Schifahren. Warum war sie nicht geflüchtet? Warum hat sie Ernst H. nach ihrer Flucht mehrmals angerufen, wenn sie sich vorher - wie behauptet - nur ein Mal gesehen hatten? Durch die neuen Ermittlungen kam nun Bewegung in den mysteriösen Entführungsfall. "Ich mache den Akt sicher nicht zu, bevor nicht alle Beweisquellen ausgeschöpft sind", versichert Mühlbacher.
Hingegen hatte die Staatsanwaltschaft Wien den Akt längst geschlossen. Weil man sich gesträubt hatte, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, beschritt Ludwig Adamovich, Vorsitzender der Kampusch-Evaluierungskommission, den Weg an die Öffentlichkeit. Es sei möglich, dass es Mittäter gäbe und Kampusch in Gefahr sei. Erst danach wurde der Grazer Oberstaatsanwalt mit den Untersuchungen betraut.
Nichts gewusst
Aus dem Umfeld von Natascha Kampusch werden die neuen Entwicklungen aufmerksam, aber mit Vorsicht beobachtet. "Ob der Herr H. Mitwisser war, kann sie nicht wissen", stellte gestern ihr Anwalt Gerald Ganzger fest. "Entführt hat er sie nicht, und gefangen gehalten auch nicht. Und was Herr H. in den drei Stunden zwischen ihrer Flucht und dem Selbstmord von Priklopil gemacht hat, weiß sie auch nicht." Übrigens: Einer der beiden angeblichen Zeugen aus Deutschland, die behaupten im Besitz von Beweismittel zu sein, soll teilentmündigt sein.


















