Als die stummen Bilder laufen lernten
Vom Wanderkino zu Gierkes Bioskop - 100 Jahre Annenhofkino: Ein Blick auf die Anfänge der Lichtspiele in Graz.

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Es war die Sensation schlechthin, als sich am 19. September 1896 - nur ein Jahr nach der Pariser Kinopremiere der Brüder Lumière - auch in Graz die Bilder zu bewegen begannen.
Auf dem Gelände des ehemaligen Versuchshofes in der Annenstraße (heute Möbelhaus Leiner) fand die erste Filmvorführung statt, bei der das Eden Theater "Die lebende Photographie. Edison's Ideal" zeigte.
Ab 1900 begann die große Zeit der Wanderkinos auch in Graz, unter ihnen das "Royal Wonder Bio" von Louis Geni, der eigentlich ein Wandervariete samt Zaubertheater mit Geistererscheinungen leitete. Sein Sohn Arthur Geni berichtet, "dass die Attraktion des Films zunächst neben den etablierten Schaustellungen wie Panoptikum und Zaubertheater eingesetzt wurde", schreibt Kinohistoriker Franz Suppan in seiner Dissertation "Film und Kino in der Steiermark" 1996.
Und dann kam Oskar Gierke. Der in Marienburg (heute Polen) geborene Mechaniker hatte 1887 das mechanische Wandertheater seines Vaters übernommen und erwarb 1897 einen Cinematographen samt Filmen. Mit seinem "Elektro-Bioskop" reiste er herum, das Vorführzelt fasste 320 Sitz- und 100 Stehplätze und eine Dampfmaschine, deren 25 PS mit heftigem Rattern den Strom für die Filmvorführung erzeugten.
Gierkes Bioskop
Seit 12. März 1905 gab er im Versuchshof in der Annenstraße Kinovorstellungen, wurde in Graz sesshaft und eröffnet am 15. Dezember 1906 mit "Gierkes Bioskop" im Erdgeschoss eines dreistöckigen Wohnhauses in der Jakominigasse 104 (später Conrad- v.-Hötzendorf-Straße 64) das erste ständige Lichtspieltheater des Landes - das spätere Tonkino.
Früh schon erfreuten hier "Pariser Abende" mit pikanten Filmen das Publikum. 1909 übergab Gierke das Bioskop seiner Tochter Wilhelmine, er selbst leitete sein neu gebautes Kino in der Annenstraße, in dem 1000 Personen Platz fanden und das am 6. November 1909 eröffnet wurde. Nach Gierkes Tod führte sein Sohn Rudolf das Kino weiter und machte das Annenhofkino zum führenden Kino in Graz. Hier wurde 1929 der erste Tonfilm aufgeführt und 1942 der erste Farbfilm - "Frauen sind bessere Diplomaten" mit Marika Rökk.
Am 17. Jänner 1928 trafen sich die Grazer Kinobesitzer, um gegen die "drückende Last der Lustbarkeitssteuer" zu protestieren. Sie setzten für den nächsten Tag eine "Kinosperre" durch. Und am Tag darauf baten sie in Zeitungsinseraten um Verständnis für ihren Streik. Die Unterzeichner: Annenhofkino, Unionkino (Annenstraße), das für Kriegswaisen eröffnete Ring-Kino (Joanneumring), Kammerlichtspiele (Schubertkino), Zentralkino (später Mur-Lichtspiele), Elite-Kino (Rechbauerkino) und das 1. Grazer Lichtspieltheater.
Der Durchschnittspreis für eine Kinokarte lag damals bei 50 bis 80 Groschen, in Vorstadtkinos sogar bei 30 bis 60 Groschen, je nach Sitzplatzkategorie. Das war vergleichsweise günstig, denn ein Kilo Mehl kostete 1929 beim Konsum 64 Groschen, ein Kilo Zucker 90 Groschen.
1922 schrieb die "Tagespost": "Ein Grossteil unserer reiferen Jugend hat im Kino die Liebe gelernt. Kinoküsse und Kinoumarmungen, Kinotreue und Untreue, die Kinosprache und die Kinomimik der Gefühle. Und zugleich damit auch die Leichtlebigkeit in den Tag hinein ohne Seeletiefe."
















