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Zuletzt aktualisiert: 08.11.2009 um 05:33 UhrKommentare

Pädagogen: Jedes dritte Kind kann nicht Deutsch

Über 30 Prozent der Grazer Kindergartenkinder haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Stadtpolitik und Pädagogen schreien um Hilfe.

Kindergarten Andersengasse: Unter den 76 Kindern werden insgesamt 19 Sprachen gesprochen

Foto © KLZ DIGITAL/FuchsKindergarten Andersengasse: Unter den 76 Kindern werden insgesamt 19 Sprachen gesprochen

Im Bewegungsraum im Kindergarten Andersengasse geht es drunter und drüber. Zuerst im Kreis laufen, dann auf die Leiter klettern und zum Schluss einen Purzelbaum auf der Matte machen. Die Kindergartenpädagogin erklärt den Ablauf des Bewegungszirkels mit "Händen und Füßen". Denn der Großteil der Kinder spricht nicht oder nur schlecht Deutsch. "Im Herbst haben wir hier einen Stummfilm, weil sich die Kinder nicht untereinander verständigen können", schildert die Pädagogin Sabine Osnigg die Situation am Anfang des Kindergartenjahres.

Dabei wissen alle Experten: Integration braucht Sprache. Aber wenn die sprachliche Vielfalt eher sprachlos macht, geht der Schuss nach hinten los. Wenn, wie in der Andersengasse, von 76 Kindern nur 13 Deutsch können, insgesamt 19 Sprachen durch den Raum schwirren - wie soll dann den Kindern die deutsche Sprache vermittelt werden können?

Aber nicht nur die fehlende Sprache ist ein Problem. Vielfach sind Kinder mit Migrationshintergrund ihren Spielgefährten aus Österreich hinterher. In den verschiedenen Kulturen hat man andere Erziehungsansprüche als in Österreich. "Mit drei Jahren sollten die Kinder schon einen Kopf zeichnen können. Viele ausländische Kinder können das aber nicht", erklärt die Kindergartenleiterin Ursula Schweda. Deshalb brauchen diese Kinder besonders viel Betreuung. Die Arbeit ist intensiv. Ständiges Wiederholen und sich mit "Händen und Füßen" zu verständigen gehört ebenso dazu wie den Eltern Vorschläge zu machen. Das geht an die Substanz.

Ruf nach mehr Assistenten

"Unsere Pädagoginnen sind an ihrer Leistungsgrenze angelangt", weiß VP-Gemeinderätin Sissi Potzinger. Daher hat sie im jüngsten Gemeinderat in einem Antrag ans Land zusätzliche Integrationsassistenten gefordert - alle Parteien waren dafür.

VP-Kinder- und Jugendstadtrat Detlev Eisel-Eiselsberg stimmt in die Kritik mit ein. "Das Land berücksichtigt die besondere Situation der Stadt Graz nicht." Dabei zeigt die Statistik die Situation deutlich: In den städtischen Kindergärten haben 42,2 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, nimmt man die Privaten dazu, betrifft es jedes dritte Kind, schätzen Experten. In der übrigen Steiermark sind es acht Prozent. Die Antwort des Landes auf diese Herausforderung: Zwei Beraterinnen für alle Grazer Kindergärten und 200 Dolmetschstunden für die gesamte Steiermark. Für Eisel-Eiselsberg eine "Alibiaktion".

Potzinger betont, dass gerade das Erlernen der Sprache im Kindergarten entscheidend ist für die weitere Zukunft der Kinder. Daher gilt: "Mehr Integrationsassistenten sind keine Budgetbelastung, sondern eine Zukunftsinvestition im besten Sinne."

"Jedes Kind hat Potenzial"

Die Kindergartenpädagoginnen haben den Anspruch, jedes Kind zur Schulreife zu bringen und keines unter den Tisch fallen zu lassen, so Ursula Schweda. "Jedes Kind hat Potenzial und könnte lernen. Wenn sie nur zusätzliche Förderungen bekommen."

CHRISTINA LECHNER, GERALD WINTER

Fakten

100 Prozent Migrantenanteil, das ist der Spitzenwert an einem Grazer Kindergarten.

In allen 49 städtischen Kindergärten haben 1165 von 2761 Kindern Deutsch nicht als Muttersprache; 42,2 Prozent.

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