Im Zentrum steht das Bett
Erstmals brachte die Wiener Staatsoper eine Premiere als Koproduktion mit der Grazer Oper heraus: Schostakowitschs "Lady Macbeth".
Eine umgestürzte Büste von Josef Stalin liegt den ganzen Abend vor dem Vorhang. Auf ihr wird der Liebhaber der Titelheldin fast zu Tode geprügelt, auf ihr stirbt Katerinas Schwiegervater, den sie mit jenem Rattengift ermordet, das sie im hohlen Kopf des Diktators aufbewahrt. Er erinnert an die traurige Geschichte des Werks, das jetzt erstmals in seiner Urgestalt an der Wiener Staatsoper gespielt wird. 1934 in Leningrad aus der Taufe gehoben, zwei Tage später in Moskau zur Premiere gebracht und bald auch in Amerika und Europa erfolgreich, endete der Siegeszug der "Lady Macbeth von Mzensk", als Josef Stalin am 26. Dezember 1935 eine Vorstellung besuchte.
Aufführungsverbot
Er verließ sie vorzeitig und eröffnete in der "Prawda" mit dem Artikel "Chaos statt Musik" eine Pressekampagne gegen Schostakowitsch, der unmittelbar ein Aufführungsverbot der Oper folgte, die Vergewaltigung, Ehebruch und Mord auf die Bühne brachte, die Obrigkeit lächerlich machte und drastisch einen Geschlechtsakt musikalisch schildert. 1978 schmuggelte der Dirigent Mstislaw Rostropowitsch die Originalpartitur der Oper in den Westen, die erst nach Stalins Tod in der zensurierten Version als "Katerina Ismailowa" ab 1963 wieder gezeigt werden durfte.
Die Urfassung erzählt ungeschminkt die Geschichte einer nach Selbstverwirklichung strebenden Frau, die so sehr die Rohheit ihrer lieblosen Umgebung angenommen hat, dass sie dabei buchstäblich über Leichen geht.
In seiner ersten Staatsoperninszenierung, die ab April 2011 an der Grazer Oper zu sehen sein wird, legt Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann die Mechanismen von brutaler Herrschaft, Opportunismus und Gegenwehr bloß. Auf der von einem leuchtenden Bett beherrschten, kahlen Bühne von Volker Hintermeier hält er geschickt die Balance zwischen Brutalität und Komik, Pathos und Sarkasmus. Er arbeitet handwerklich sehr versiert, findet aber keine starken Bilder und erreicht nie die brennende Intensität der Volksopern-Inszenierung von Christine Mielitz.
Eruptive Ausbrüche
Fulminant gelingt das Debüt des Einspringers am Pult: Ingo Metzmacher schärft die Tempo- und Dynamikgegensätze zu einem Parforceritt der Extreme, führt das mit dramatischer Kraft musizierende Staatsopernorchester zu beißender Ironie und eruptiven Ausbrüchen, ohne grobschlächtig zu werden.
Hinreißend verdeutlicht Angela Denoke, der das Lyrische ebenso zu Gebote steht wie die Dramatik, als Idealbesetzung der Titelheldin deren Lebens- und Liebesgier. Als ihr herrschsüchtiger, lüsterner Schwiegervater Boris trumpft Kurt Rydl mit höhensicherem Bass auf, während Misha Didyk als berechnender Liebhaber Sergej wenig tenorale Verführungskraft besitzt. Hohes Niveau halten der Chor und der Großteil des restlichen Ensembles.

















