Einen ganzen Tag lang Zeit zum Lernen und Spielen
Die Ganztagsschule lässt Lehrern und Schülern mehr Luft zum Atmen. Die Schulen zögern mit der Umstellung, die Politik macht jetzt Druck. Ein Lokalaugenschein in Graz Liebenau.

Foto © David BauerDie VS Liebenau ist die einzige "verschränkte" Ganztags-Pflichtschule in der Steiermark
An der Tafel entsteht ein Bild vom Schlossberg. Daneben spielt ein Bub auf dem Xylofon. Im Raum verteilt arbeiten Buben und Mädchen an verschiedenen Rechen- und Schreibaufgaben. Und hinten stehen zwei Buben und fotografieren einander. Die Porträts kommen als Collage aufs Schlossbergplakat der 3a.
Jeder tut was anderes. Alle sind hochkonzentriert. Und es ist es so ruhig im Raum, dass man als Besucher fast stört. Die Kinder schauen kaum auf, denn Besuche sind Kinder und Lehrer an der Volksschule Liebenau gewöhnt. "Wir sind immer besuchsbereit", sagt Direktorin Antonia Frech.
Die VS Liebenau ist die einzige "verschränkte" Ganztags-Pflichtschule in der Steiermark. Verschränkt heißt: Der Schultag beginnt für alle Kinder um 7.50 Uhr früh und endet um 16 Uhr. Dazwischen: Unterricht, Pausen, Freizeit, Essen, und das alles ohne Pausengong. Einzig der Termin fürs Essen ist fix, denn es findet jeweils nur eine Klasse Platz im Speiseraum.
Im Team
Unterricht und Freizeit sind über den Tag verteilt. Oft sind mehrere Lehrer bei den Kindern. Es wird gelernt, es wird geübt, es wird gespielt - und immer wissen alle Lehrer auch darüber Bescheid, was in ihrer Abwesenheit geschieht. Mindestens zwei Stunden pro Woche sitzt das Team beisammen, um den Ablauf zu planen. Freie Stunden werden dafür genützt.
Das Miteinander ist es, das die Lehrer an dieser Schule als so großen Vorteil gegenüber anderen Schulen erachten: "Ich bin nie allein", diesen Satz höre ich an diesem Tag öfter. Die Teamarbeit wird von Lehrern, die das nicht kennen, oft als Bedrohung empfunden. In Liebenau sind inklusive Direktorin 23 Lehrkräfte an Bord, und alle ziehen an einem Strang. Vor sieben Jahren hat man die ersten Klassen auf die Ganztagsschule umgestellt. Zwei Lehrer suchten umgehend um Versetzung an. Alle anderen blieben.
An der Schule präsent
Das Projekt ist das Paradebeispiel dafür, wie Schule gelingen kann, auch innerhalb der bestehenden Strukturen. Antonia Frech hat nicht mehr Lehrer zur Verfügung als andere Schulen auch. Der Unterschied: Die Lehrer sind länger an der Schule. Rund 27 bezahlte Unterrichts- und Freizeitstunden entfallen auf jede Lehrperson an der VS Liebenau. Gut 30 Stunden sind die meisten an der Schule präsent. Jeder Klassenlehrer hat ein bis zwei Teamlehrer an seiner Seite.
Für Robert Hartinger, Klassenlehrer der 1a, fing der Tag in der Schule heute erst um 10 Uhr an. Um 15.45 Uhr fährt er nach Haus'. Dazwischen: die Zahl 4 und der Buchstabe A, mit allen Sinnen erfasst, gelernt, gefestigt, in Bildern verewigt. Pausen, Zeit für den
Spielplatz, fürs Rasten und Plaudern, gibt es je nach Bedarf. "Nur wir wissen, was in der Klasse abläuft, wann die Kinder müde werden, wie sehr wir sie noch fordern können. Wir orientieren uns am Rhythmus der Kinder", sagt Hartinger. In der ersten Klasse können sich die Kinder oft nur eine Viertelstunde lang konzentrieren. Dann wird eben schneller das Programm gewechselt.
"Ich kann mir die Zeit mit den Kindern besser einteilen", sagt Ilse Zechner, Klassenlehrerin der 2b. Das war das Hauptmotiv dafür, dass vor sieben Jahren die Mehrheit der Lehrer aufsprang auf den Zug: Die Vormittagslehrer hetzten durch den Vormittag und waren frustriert. Die Nachmittagsbetreuer fühlten sich als Lehrer zweiter Klasse und waren auch frustriert.
Heute sind Unterrichts- und Freizeitstunden auf alle verteilt, alle arbeiten auf Augenhöhe miteinander, im Team. Lehrer und Schüler sind selbstbestimmter und daher entspannter als anderswo. Aufgaben gibt es keine. Und die Eltern sind zufrieden. "Zu 99 Prozent, das ergab die Evaluierung", sagt die Direktorin stolz. Die Kosten für die Eltern sind gleich hoch wie bei der normalen Nachmittagsbetreuung, sozial gestaffelt.
Ohne den Elternverein wäre vieles nicht möglich, und auch die Raika St. Peter als Sponsor springt immer wieder ein. "Wir stoßen an unsere Grenzen", sagt Frech. "Aber wir jammern nicht, weil eigentlich sind wir glücklich, dass wir so arbeiten dürfen."
Jede Schule könnte damit anfangen, und sei es nur mit einer Klasse. Die Kosten für die Eltern sind gleich hoch wie bei der normalen Nachmittagsbetreuung, sozial gestaffelt. "Ich bin unterwegs gewesen, quer durch die Steiermark, um Mut zu machen", sagt Antonia Frech. "Aber es ist mir noch nicht gelungen."

















