"Istanbul Metropolis": Erst ein Teil ist EU-reif
Literaturhaus-Chef Gerhard Melzer über türkische Dichter und das kommende Festival "Istanbul Metropolis" in Graz.

Foto © Helmut UtriGerhard Melzer
Warum widmet sich das von Ihnen initiierte Multisparten-Festival ausgerechnet der Stadt Istanbul?
GERHARD MELZER: Unter anderem, weil Istanbul im kommenden Jahr Kulturhauptstadt Europas ist und hier ein Konnex zu Graz besteht. Außerdem würden wir das gängige Türkei-Bild mittels Kunst und Kultur ganz gern ein wenig zurechtrücken.
Was zeichnet die gegenwärtige türkische Literatur besonders aus?
MELZER: Das ist schwierig zu sagen, weil natürlich auch die türkische Literatur aus unendlich vielen Facetten besteht. Spannend finde ich, was derzeit die Frauen schreiben, zumal das ja immer noch unter einem massiven Patriarchat geschieht.
Spielt es eine Rolle, dass Autoren am Bosporus immer noch gefährlich leben, wenn sie sich bestimmten Themen widmen?
MELZER: Nicht so viel anders als in anderen Ländern. Künstler reiben sich nun einmal gern an der Gesellschaft. Auch bei uns kocht die Volksseele manchmal über.
Aber Autoren landen hierorts nicht mehr im Gefängnis und die EU hat Ankara eben erst gerügt.
MELZER: Es stimmt schon, der Paragraph mit der Beleidigung des Türkentums ist ein Sonderfall, aber auch hier ist eine gewisse Entspannung spürbar.
Nobelpreisträger Orhan Pamuk überstrahlt derzeit natürlich alle Kollegen. Wer sind aus Ihrer Sicht die Interessantesten unter ihnen?
MELZER: Wir haben zwei davon bei uns: Murathan Mungan ist eine absolute Kultfigur, er schreibt auch Poptexte, Theater et cetera, lässt sich nicht festlegen. Und Nedim Gürsel gilt mittlerweile als Klassiker, der sich oft mit den Spannungen und Befruchtungen zwischen Orient und Okzident auseinandergesetzt hat.
Istanbul und das östliche Anatolien sind kulturell Jahrzehnte voneinander entfernt. Wird sich diese Spannung lösen lassen?
MELZER: Das ist ganz schwer abzuschätzen. Wenn der EU-Prozess weitergeht, wird es zu Verbesserungen kommen. Das Problem ist die wirtschaftliche Asymmetrie: Der Westteil ist viel besser aufgestellt, aber wenn man die Lage des Ostens bessern kann, werden sich auch die politischen Zustände verbessern. Erste Anzeichen gibt es schon, zum Beispiel eine Entspannung mit Armenien und auch in der Kurden-Frage.
Dank Ihrer türkischen Frau Jale verbringen Sie jährlich mehrere Wochen in der Türkei. Ist das Land aus Ihrer Sicht EU-reif?
MELZER: Ich kenne nicht das ganze Land, Istanbul ist absolut europareif, eine echte Weltstadt. Wirtschaftlich ist die Türkei sicher weiter als Rumänien oder Bulgarien. Ein Teil des Landes ist durchaus EU-reif, ein Teil nicht
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Features
Istanbul Metropolis
Das Festival wird vom Literaturhaus Graz koordiniert. Mit Beiträgen von der Akademie Graz und dem Rechbauerkino.
Künstler: Autoren, Bildende Künstler, Filmschaffende, Musiker, Architekten etc.
Start: Literaturhaus Graz, Dienstag, 20. Oktober, 19 Uhr. Schon am Montag gibt es im Theater am Lend einen Abend mit der Gruppe Oyun Deposu (20 Uhr).
Dauer: Bis 10. November
Infos: Tel. (0 31 6) 380 8360
www.literaturhaus-graz.at
www.akademie-graz.at
www.welcome-little-istanbul.at

















