Das kurze Leben der Adele Kurzweil
Das Schicksal von Anne Frank ist weltweit bekannt. Das von Adele Kurzweil hingegen kaum. Auch nicht in Graz, wo sie bis zu ihrer Flucht vor den Nazis gelebt hat. Eine Ausstellung soll dies nun ändern.

Foto © ClioBruno Kurzweil am Steier seines Wagens. Vor dem Wagen: Gisela und Adele Kurzweil.
Ich heiße Adele, sucht mich nicht, ich existiere nicht, ich existiere nicht mehr. Ich heiße Adele, 17 bin ich, 17 Jahre für immer, 17 Jahre in Ewigkeit."
Beinahe hätte sich Adeles Kurzweils Wunsch erfüllt und niemand hätte nach ihr gesucht. Nach einem Kind, eines von eineinhalb Millionen, das ins Gas getrieben wurde, weil es jüdisch war. Und weil Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, Ansgt hatte, wenn er nur Männer und Frauen hinschlachten und die Kinder am Leben lassen würde. Er hatte Angst, "die Rächer in Gestalt der Kinder groß werden zu lassen". Es muss, so Himmler, "der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen." Und mit diesem Volk auch Adele K. aus Graz.
Die Notizen, die Adele neben Familienbildern, Modeentwürfen und Landschaftszeichnungen in einem Koffer deponiert hatte, wurden mehr 50 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod gefunden. Und zwar auf dem Dachboden einer Polizeistation in Auvillar nahe von Montauban. Das war Adele Kurzweils Wiederentdeckung und der Anfang der Rekonstruktion einer Biografie.
Adele K. wurde am 31. Jänner 1925 als einziges Kind von Bruno und Gisela Kurzweil geboren, die aus Böhmen stammten, aber nach Graz übersiedelt waren. Sechs Wochen nach Adeles 13. Geburtstag übernahmen die Nazis in Österreich die Macht, und damit kamen auch die "Nürnberger Rassengesetze" zur Anwendung. Am 11. Juni 1938 erhielt Bruno Kurzweil ein Schreiben der steirischen Rechtsanwaltskammer, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass ihm "die Ausübung seines Berufes vorläufig untersagt werde". Dieser Brief, vor allem aber auch die Befürchtung, dass die Nazis mit ihm als kämpferischen Sozialdemokraten wenig glimpflich umgehen würden, veranlasste die Familie zur Flucht nach Frankreich.
Flucht mit vielen Stationen
Zunächst lebte man in Paris, in das unbesetzte Frankreich, genauer: nach Montauban, übersiedelten die Kurzweils, als sich deutsche Truppen der französischen Hauptstadt näherten. In diesem freien Land, für das die Vichy-Regierung unter Henri Philippe Petain die Souveränität proklamiert hatte, fühlten sich die Flüchtlinge zunächst sicher. Das wurde ihnen schlussendlich zum Verhängnis, denn Petain lieferte alle in Frankreich befindlichen Deutschen und Österreicher an die Nazis aus.
Freilich: Viele von denen hatten zuvor noch versucht in die USA zu entkommen, wo sich die Gattin des PräsidentinEleanor Roosevelt, sich für die Imigration jüdischer Flüchtlinge einsetzte. Allein die US-Bürokratie war langsamer als jene der Nazis und so kam auch für die Kurzweils am 26. August 1942 die Verhaftung früher als das US-Visum.
Am 9. September wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Was blieb ist der Koffer, der später gefunden wurde. Und die Beruhigung, die Erinnerung an drei weitere der sechs Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden, aufrecht zu erhalten.
Features
Ausstellung und Buch
Die Ausstellung "Der Koffer der Adele Kurzweil" wird von 15. Oktober bis 12. November bei freiem Eintritt in der Grazer Synagoge gezeigt. Gruppenführungen sind von Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 16.00 Uhr möglich. Terminvereinbarung unter bettina.ramp@argejugend.at.
Das Buch von Manfred Theisen mit dem gleichnamigen Titel schildert, wie Mara, deren Eltern in Südfrankreich ein Haus kaufen wollen, sich in den Sohn des Verkäufers verliebt und mit ihm in Adeles Leben eintaucht. Ein Buch ab 13 Jahren, das auch Erwachsene fesselt. (Sauerländer, 2009, 14,30 Euro).
Fakten
Auf den Spuren von Adele Kurzweil startete der Grazer Historiker Heimo Halbrainer ein Projekt und fuhr im Jahr 2000 mit Grazer Schülern ins südfranzösische Montauban, eine der Fluchtstationen der Kurzweils. Flucht war das Generalthema, das umfassend aufgearbeitet wurde. "Wir wollten nicht historisieren, sondern uns auch mit der Gegenwart beschäftigen", erklärt Halbrainer. Daraus ist das Buch " . . . und Adele Kurzweil . . . Fluchtgeschichten 1938 bis 2008" entstanden.


















