Reise zum Herz der Finsternis
Eines der düstersten Stücke überhaupt, in Düsternis getaucht: Mit "Macbeth" startete das Schauspielhaus Graz in die neue Saison. Einige Schatten blieben.

Foto © Schauspielhaus Graz/Manninger"Gutes ist böse, Böses ist gut"
Gutes ist böse, Böses ist gut". Der legendäre Orakelspruch der Hexen (diesfalls ersetzt durch unschuldige Kinder) verweist gleich zu Beginn auf drohendes Unheil. Und wer Shakespeares "Macbeth" kennt, weiß auch, zu welchen moralischen Umkehrschüben dieser Ausspruch führt.
Anna Badora, Leiterin des Grazer Schauspielhauses, präsentiert das Alterswerk zum Saisonsauftakt und lädt damit auch ein zu einer erbarmungs- und ausweglosen Reise zum Herz der Finsternis.
Albtraum
Wie so oft in seinen Tragödien hält Shakespeare Gericht über die Welt. Aber dieser "Macbeth" scheint wie mit schwarzroter Tinte geschrieben zu sein. Prallvoll mit unbeugsamen Gesetzen und Todesurteilen, im Gegensatz zu anderen Stücken beinahe völlig frei von Sonderparagraphen, die dem Regisseur, der Regisseurin, die ja häufig auch die Rolle des Anwalts oder Verteidigers übernehmen, Spielraum für Schlupflöcher oder Plädoyers lassen, vielleicht doch Milde oder Gnade walten zu lassen.
Das Stück ist Krieg. Die Worte sind Schlachten, die Essenz ist ein realer Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dies dokumentiert auch das exzellente Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt und die kongeniale Lichtregie (Gerhard Fischer).
Fast völlig kahl und hermetisch ist die Schädelstätte, wie der Keil einer Axt spalten zwei hoch aufragende Bühnenwände den Einheitsraum. Der schwarze Bühnenvorhang bleibt oft geschlossen, nur kleine Luken, Segmente, öffnen sich, um das Augenmerk auf die jeweils handelnden Personen zu fokussieren. Bitternis, Niedertracht, Mordlust, Skrupellosigkeit füllen diese finstere Ansammlung von Halbwesen im Ausnahmezustand, die eher Befehls-Maschinen gleichen, bis an den Rand: bei der kleinsten Erschütterung schwappt alles über. Und Shakespeare stößt keineswegs leise daran.
Eiseskälte
Allerdings schwappt und kippt auch die Inszenierung. Zwischen Gespensterreigen und Totentanz, zwischen Machtrausch und Wahnsinn, zwischen Meuchelei und einem Lehrstück über Tyrannei. Anna Badora setzt, sehr mutig und lobenswert, auf ein äußerst junges Ensemble. Mit ihrer Intention, aus dem eiskalten Textmassiv ein Liebesdrama zwischen Macbeth und seiner Lady herauszufiltern, scheitert sie; notgedrungen, zwangsläufig.
Für einen zusätzlichen Bruch sorgt der eingeschobene Monolog des Arztes, der sich, pseudowissenschaftlich rühmt, Menschen und deren Identität und Herkunft an der Art ihres Türklopfens erkennen zu können.
Die Ironie ist fehl am Platz. Gleiches gilt für die langen Fechtszenen am Ende; man muss das Pseudo-Morden nicht sehen, um zu verstehen. Das Wort ist Mord und Tat genug. Dennoch: ein Mordsbrocken wurde hier in beachtliche Höhe gestemmt.
Vor allem von Claudius Körber (dem die Fechtproben eine Gipshand einbrachten) als Macbeth; er wirkt ein wenig zu jung für diese Rolle, aber sein Wandel vom skrupulösen Zauderer zum Mordsmonarchen ist schlüssig, Verena Lercher agiert als Lady Macbeth sehr nuanciert zwischen mondäner Furie und reuiger Sünderin, Jan Thümer ist auch als Macduff ein Charakter-Koloss. Viel Böses erweist sich als gut, vom Publikum mit angemessenem Beifall bedacht.















