Bischof Johann Weber feiert sein 40-jähriges Priesterjubiläum
Vor 40 Jahren wurde Johann Weber zum Bischof der Diözese Graz-Seckau geweiht. Zum Jubiläum luden wir zum Spaziergang.
Der Herrgott muss eine besonders ruhige Hand gehabt haben, als er diesen Tag in die Landschaft gepinselt hat. Mächtig wie eine Burg, aber nicht so trotzig, streckt sich das Schloss Seggauberg in den blassblauen Herbsthimmel. Unten, im Tal, döst der Sulmsee dahin. Und oben, unter einem braunblättrigen Kastanienbaum, steht ein Mann und schaut ruhig hinunter. Auf das Land. Auf die Leute. Trotz des Höhenunterschiedes ist er nicht von obenherab, dieser Blick. "Ich war immer bei den Menschen", sagt Altbischof Johann Weber. "In all ihrer Buntheit, mit all ihrem Lachen, mit all ihren Tränen." Kurze Pause, dann ein feines Lächeln. "Wissen Sie, an makellosen Menschen habe ich keine rechte Freude."
"Es ist nicht gut, große Versprechungen zu machen. So will ich Ihnen allen nur sagen, dass sich Ihnen ein Mensch unter Menschen, ein Priester unter Priestern zur Verfügung stellt und Ihnen Hirte und Bruder sein will." Wie gut ist das Langzeitgedächtnis? Wo wurden diese Sätze gesprochen? Wann? Der heuer 82-Jährige zögert keine Sekunde. "Das war vor genau 40 Jahren. Anlässlich meiner Bischofsweihe im Grazer Dom." Weber wurde von den Menschen damals - für diesen Anlass sehr unüblich - mit Applaus empfangen. Ein Vertrauensvorschuss, den er dringend notwendig haben sollte. Die Diözese Graz-Seckau war Ende der 60er-Jahre ein Boden, der sehr schwer zu bestellen war. "Die Progressiven auf der einen Seite, die Konservativen auf der anderen." Und dazwischen ein tiefer Graben. Weber baute mit einer Engelsgeduld Brücken über diese Gräben. Er predigte und lebte das Miteinander, den Dialog, die Aussöhnung. Eine Haltung, die er als Bischof mehr als 30 Jahre lang beibehielt und die ihn von seinen Kritikern oft auch vorgeworfen wurde. Nirgends anecken bedeute Stillstand, meinten sie. Kuschelkurs würde man das heute wohl nennen. Webers Blick wird ernst: "Mein Lebensstil war und ist die Balance, die Begegnung, die Berührung."
Keine Dienststunden
Wir gehen. Durch den Garten, zur Kapelle, zu den Arkaden. In Seggauberg finden gerade die alljährlichen Pfarrer-Tage statt. Die Basis diskutiert, bilanziert, streitet mitunter - und geht. "Gehen ist ein schönes Symbol", sagt der Altbischof, mit dem das Alter bisher sanft umgegangen ist. "Auch Jesus ist viel gegangen. Er hatte keine fixen Dienststunden, er war viel unterwegs. Und die Kirche, die muss mitgehen mit den Menschen, muss ihnen zuhören, auch wenn sie nicht immer Antworten auf die gestellten Fragen hat. Wir sind ja keine Wunderheiler. " Johann Weber ist noch immer dort, wo er sich am wohlsten fühlt: Bei seinen Leuten, bei seinen Pfarrern. Die Sorgen, die ihm bei seinen Wanderungen begegnen, machen ein ganzes Bündel aus: "Zukunftsängste, Misstrauen gegenüber den Mächtigen, seelische Unbehaustheit." Die Kirchen sind halb leer, aber die Regale mit den Lebensratgebern in den Buchhandlungen übervoll. Viele suchen den Sinn des Lebens, ihr Weg führt sie aber in den seltensten Fällen an einer Kirche vorbei. Johann Weber weiß, wohin der Weg des Gespräches jetzt führt. "Ein Pensionist soll das aktuelle Kirchengeschehen nicht kommentieren", sagt er. "Aber. . ." Aber? "Aber die Kirche muss eine weite Kirche sein. Sie muss wachsam sein, dass sie sich nicht in ein Schneckenhaus zurückzieht. Sie darf nicht nach dem Motto ,klein, aber fein' agieren. Das wäre nicht gut. Glaube entsteht in erster Linie durch Begegnung, durch Berührung."
Der Steuermann
Das Boot, mit dem Johann Weber während seiner Zeit als Bischof als Steuermann unterwegs war, glitt durch ruhige Gewässer, oft führte die Route durch bislang unbekannte Meere, und in stürmischen Zeiten drohte dieses Boot auch zu kentern. Im Rückblick lacht das Weber'sche Herz bei der Erinnerung an den Steirischen Katholikentag 1981 oder beim ökumenischen "Tag der Steiermark" 1993. Und das Herz verfinstert sich, wenn der Kopf an das Jahr 1995 zurückdenkt. Nachdem Vorwürfe aufgetaucht waren, dass Kardinal Hans Hermann Groer ehemalige Schüler sexuell missbraucht habe, wollte Weber diese Anschuldigungen durch einen Weisenrat prüfen lassen. Er konnte sich nicht durchsetzen, löste aber Groer als Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz ab. "Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass während meiner Amtszeit vieles unvollendet blieb. Aber mein Bemühen war damals, dass wir als Kirche nicht zerbrechen. Und das ist gelungen."
Wir gehen. Am Wehrturm vorbei, an den Blumenbeeten. Dass sein Lebensweg immer kürzer wird, dessen ist sich Johann Weber bewusst. "Die Eltern sind längst gestorben, die Geschwister auch. Der Tod ist sehr präsent. Und niemand weiß, wie das Sterben wird. Ich hoffe, dass es gut wird - ohne genau zu wissen, was ich mit gut meine." Und dann geht er. Zu seinen Pfarrern. Zu den Menschen.
Features
Fakten
Johann Weber, geb. am 26. April 1927 in Graz als Sohn eines Gendarmerie-Inspektors. Am 2. Juli 1950 wurde er zum Priester geweiht, am 10. Juni 1969 von Papst Paul VI. zum Bischof der Diözese Graz- Seckau ernannt. Die Weihe erfolgte am 28. September.
Ein Festgottesdienst zu diesem Jubiläum findet heute, Sonntag, 15 Uhr, im Grazer Dom statt.


















