Rezension zu Gerhard Roths neuestem Buch
Gerhard Roths jüngste Expeditionen und geistige Kontinentalreisen durch Wien.

Foto © Werner Krause
Kaum ein anderes Werk zog Gerhard Roth in jungen Jahren mehr in seinen Bann als Melvilles "Moby Dick", dieser an Metaphorik immens reicher Roman von Weltgeltung. Nun macht er sich, nicht restlos besessen und fast todessüchtig, auf die Jagd nach dem Wal. Er gleicht eher Jonas, der sich, diesfalls freiwillig, in das Innere des mächtigen Säugetieres wagt. Jeden noch noch so versteckten Mikro-Organismus will er finden, um dann, ausgestattet mit einem raren Spürsinn, seine Rückschlüsse zu ziehen. Vom scheinbar Kleinsten auf das große Ganze.
Der metaphorische Wal wich in Wien den ob ihrer Monstrosität schier uneinnehmbaren Museen wie dem "Naturhistorischen", dem Josephinum, dem Uhrenmuseum, der Nationalbibliothek. Magisch aber zieht ihn auch die Welt der Blinden, der Gehörlosen, der Namenlosen an - im Lager von Traiskirchen. Es sind abenteuerliche Expeditionen, tief führen sie in die österreichische Seelenlandschaft, es sind geistige Kontinentalreisen, mit Weggefährten von Borges über Kafka, Grillparzer, Bernhard, um nur einige Namen zu nennen.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten taucht er, womit wir wieder bei Melville sind, in den stillen Ozean der Zeichen, stößt auf Leichen- und Tierpräparate, gerät im Uhrenmuseum mitten hinein in andere Zeitsysteme; besessen vom Nach-Forschen, besessen vom Spiel der Assoziationen. Er verhilft dem gigantischen Gedächtnis aus Papier und Formalin zu neuem Leben, er betreibt seine Gegenwartsarchäologie mit feinsten sensorischen Instrumenten. Wer dem Gegenweltensammler folgt, betritt eine Vielzahl von Wunderkammern und begehbaren Träumen und Albträumen. Ein lohnender Weg.

















