"Ich flüchte nie" - Gerhard Roth im Interview
Gerhard Roth hat ein neues Wien-Buch publiziert. Wir sprachen mit dem Schriftsteller in seinem südsteirischen Haus über Wien, Migranten, das Paradies und Sturm Graz.

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Herr Roth, Sie haben wieder ein Wien-Buch geschrieben. Was fesselt Sie so an Wien?
GERHARD ROTH: Als ich 1986 nach Wien kam, war für mich alles neu. Ich habe gar nicht gewusst, wo anfangen. Ich bin wie ein Bildungsbürger einfach herumgegangen, ins Naturhistorische, ins Kunsthistorische Museum.
Nur in Museen?
ROTH: Im jüdischen Viertel hab ich mich wochenlang aufgehalten. Ich bin in das Innerste von Wien eingedrungen, ins Jüdische. Dann kam der Stephansdom.
Das Innere Wiens ist das Jüdische?
ROTH: Es gibt einen Teil der Herzkammer Wiens, die ist jüdisch. Von Freud über Kraus, Zweig, Schnitzler zu Friedell, der dort Selbstmord begangen hat, gibt es eine lange Liste Wiener Künstler und Wissenschaftler, die Kultur entscheidend geprägt haben.
Wieso Herzkammer?
ROTH: Ich sage Herzkammer, weil die Wiener Juden perfekt integriert waren. Sie haben führende Positionen eingenommen und waren relativ wenige. Trotzdem ist der Holocaust geschehen. Heute haben wir eine riesige Menge Zuwanderer, die nicht oder schlecht integriert sind. Ich glaube nicht, dass ich ein ängstlicher Mensch bin, aber ich habe doch Angst, wie sich das entwickeln könnte, wenn man nicht rechtzeitig erkennt, dass anders nachgedacht weden muss über Migration.
Wie anders?
ROTH: Mehr vom Herzen, weniger vom Beamtentum her. Andere Informationen an die Bevölkerung geben. Nicht nur die kriminellen Ausländer zeigen, sondern auch diejenigen, die etwas bewegen, die, die Hilfe brauchen. Es fehlt hinten und vorne ein Integrationsminister, als Gegengewicht zum Innenministerium.
Sie zeigen hauptsächlich verborgene Seiten der Stadt. Warum?
ROTH: Ich habe mich gefragt, was
kann ich wo nicht sehen? Was ist nicht ausgestellt im Naturhistorischen, im Kunsthistorischen? Was wird übersehen, nicht interpretiert am Stephansdom? Da hab ich gemerkt, dass die Zeit des Nationalsozialismus ausgeblendet war und ich habe überall einen Vergil gefunden, der mich durch das Inferno geführt hat. Dadurch entsteht ein anderes Wien-Bild.
Es interessiert sie also das Gedächtnis und sein Verlust?
ROTH: Es geht auch darum, eine künstlerische Gegengeschichte zu entwerfen. Was ist der Geschichte nicht wert, zu berichten? Welche Bilder hat es gegeben, welche sind verändert worden. Das wirft dann ein bezeichnendes Bild auf ganze Epochen.
Was lieben Sie an Wien?
ROTH: Man kann in Wien besser anonym sein, die Wiener haben ein besseres Distanzgefühl. Da die Stadt groß ist, gibt es auch eine Auswahl von Intellektuellen und Künstlern. Es gibt eine Tradition im Verhalten mit Künstlern. In Graz wird das entweder vergessen oder niedergetrampelt. Die Grazer haben ja kein wirkliches Gefühl für ihre eigene Kultur. Wolfgang Bauer wäre in Wien nach wie vor eine Figur, in Graz wird er halt langsam vergessen. Wir haben keine Kultur der Erinnerung. Wer spricht in der Steiermark von Hugo Wolf? Der war ein Gigant als Komponist, wer spricht über den? Der einzige der hochgehalten wird, ist der Peter Rosegger. Ein hervorragender Schriftsteller, keine Frage, aber es hat andere Gründe, warum er hochgehalten wird.
Welche?
ROTH: Ich glaube schon, dass dieses Selbstbewusstsein des steirischen Bauerntums dabei eine Rolle spielt.
Ihr Buch richtet den Blick zurück. Das gegenwärtige Wien interessiert sie nicht?
ROTH: Natürlich interessieren mich die Gegenwartsdinge. Ich überlasse sie nicht den Historikern, sondern bringe sie in eine künstlerische Dimension. Die Shakespeare-Dramen, Goyas Auseinandersetzungen mit Geschichtskatastrophen haben mehr zeitlose Gültigkeit als historische Betrachtungen.
Borches stellt sich das Paradies vor nur aus Büchern. Sie auch?
ROTH: Das deckt sich mit meinem Emfpinden überhaupt nicht. Borches hatte keine Kinder gehabt. Man kann ja ein Buch nicht umarmen. Das Buch ist die zweite Welt, die man geschenkt bekommt, damit man nicht nur an diese Welt gebunden ist. Menschen versuchen ja ununterbrochen, aus der aufgezwungenen Existenz gleichzeitig in eine andere Existenzform zu fliehen, um die Existenz die sie führen, zu ertragen.
Sie flüchten in einer Pendelbewegung von der Stadt in Ihr südsteirisches Landhaus und zurück?
ROTH: Ich flüchte nie. Es ist für mich ein Luxus und ein Privileg, dass ich da herkommen kann, wenn es warm wird. Ich kann hier im freien sitzen und arbeiten. Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, geh ich nach Wien, weil es dort Gespräche gibt und Begegnungen und kulturelle Veranstaltungen. Nur nicht Sturm Graz, weil das gibt's nur da.
INTERVIEW: THOMAS GÖTZ, WERNER KRAUSE, HUBERT PATTERER

















