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Zuletzt aktualisiert: 17.05.2009 um 05:32 UhrKommentare

Drogenpolitik: Eine steirische Mutter klagt an

Illegale Weitergabe, tödliche Cocktails und "Doctor Shopping": Die Drogenpolitik stößt an ihre Grenzen. Sind Ersatzdrogen für Süchtige zu leicht erhältlich?

Foto © APA

Die 46-jährige Grazer Verkäuferin Sabine G. (Name geändert) ist verzweifelt: Sie ist Mutter von zwei drogensüchtigen Söhnen, die trotz vielfachen Therapieversuchen nicht von ihrer Sucht loskommen. Mit schuld an der misslichen Lage seien auch die Strukturen, kritisiert Frau G.: "Der Zugang zu Ersatzdrogen wird den Jugendlichen viel zu leicht gemacht." Vor allem in der Drogenersatztherapie und bei der Verschreibung von Beruhigungsmitteln ortet die verzweifelte Frau Missstände.

Entzüge. Der ältere Sohn Peter, inzwischen 25 Jahre alt, hat Entzüge in den Krankenhäusern Kainbach bei Graz, Villach, Klagenfurt, Bad Hall und Linz hinter sich - erfolglos. "Einmal wurde er clean entlassen, aber das währte nicht lang", sagt die Mutter. "Er musste nur zu einem Arzt gehen und wurde sofort wieder auf die hohe Dosis von 400 Milligramm Substitol eingestellt." Daraufhin seien wieder die alten Zustände eingerissen: unkontrollierte Einnahme des Ersatzmittels, Drogenhandel, Beschaffungskriminalität. Auch ein Wohnungseinbruch war darunter.

Leichtester Weg. Für die Mutter ist es unverständlich, dass Substitol und diverse ähnliche Ersatzmedikamente sehr liberal und oft auch in höheren Dosen verschrieben werden: "Die Jugendlichen gehen natürlich den leichtesten Weg. Sie sagen nicht zum Arzt, dass er die Dosis herunterstufen soll. Wären sie dazu stark genug, dann wären sie ja nicht süchtig."

Gefährliche Medikamente. Auch die weitgehend freie Verschreibung von gefährlichen Beruhigungsmitteln (so genannten Benzodiazepinen, die häufig bei tödlichen Drogencocktails eine Rolle spielen) stößt bei ihr auf wenig Gegenliebe. Frau G. ist inzwischen so weit, dass sie für eine Zwangseinweisung ihrer Söhne in die stationäre Therapie plädiert: "Die Patienten müssten unterschreiben, dass sie mindestens ein Jahr in der Station bleiben. Dann dürfte man sie nicht mehr hinauslassen."

Drogenpolitik. Der geschilderte Fall mit seinen erschütternden Details gibt der Debatte über die "richtige" Drogenpolitik neue Nahrung. Zwar hat der Landtag erst kürzlich eine Reihe von wichtigen Verbesserungen beschlossen: Neben der bestehenden Drogenambulanz in der Grazer Sigmund-Freud-Klinik sollen je eine weitere Ambulanz in Graz und in der Obersteiermark entstehen, auch Akutbetten werden eingerichtet und die Zahl der Streetworker wird erhöht.

Drogenpass. Kritikern wie dem ÖVP-Sicherheitssprecher Eduard Hamedl geht das aber nicht weit genug. Er fordert etwa einen elektronischen Drogenpass, um das so genannte "Doctor Shopping" (ein Süchtiger holt sich mehrere Verschreibungen von verschiedenen Ärzten) zu unterbinden. Aus dem letzten Drogenbericht sei ein Mangel an Kontrollen ablesbar - mehr als die Hälfte der Patienten im Ersatzprogramm nehmen demnach auch weiterhin echte Drogen. Weitere Forderungen des VP-Mannes: die verpflichtende Unterbringung und ein Drogentest für Jugendliche bei Erwerb des Führerscheins.

Andere Sicht. Eine andere Sicht vertritt der Drogenkoordinator des Landes, Klaus-Peter Ederer: Demnach liegen die in der Steiermark im Rahmen der Ersatztherapie verschriebenen Dosen unter dem bundesweiten Schnitt. Die Verschreibung erfolge nach strengen Regeln und in ausgewogener Zusammensetzung. Ederer: "Es ist ein Irrglaube, dass es keine Sucht mehr gibt, wenn ich mit dem Schwert hineinschlage." Eine Zwangseinweisung sei besonders unsinnig, da nur die Freiwilligkeit einen Heilungserfolg überhaupt möglich mache.

Hirt: Substitol verbieten? Ähnlich argumentiert der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Jörg Pruckner: "Die verschriebenen Mengen unterliegen der Kontrolle durch den Amtsarzt. Das ist ein engmaschiges Netz." Und auch SPÖ-Gesundheitslandesrat Helmut Hirt hält nichts von einer weiteren Verschärfung der Regeln. Allerdings hat er bei Gesundheitsminister Alois Stöger angeregt, die Frage zu prüfen, ob man das Medikament Substitol wegen der hohen Missbrauchsraten aus dem Verkehr ziehen soll. Hirt: "Wo es Probleme gibt, muss man sie lösen."


Kommentar

ERNST SITTINGERErsatzdrogen von ERNST SITTINGER

Tagebuch der Sucht

Der Beginn: "Wie ich es erfahren habe, haben beide Söhne Heroin gespritzt. Da war es schon zu spät", erinnert sich Frau G. Das war vor acht Jahren.

Die Therapie: "Wir haben sechs Entzüge gemacht. Ich war mit den Söhnen in fast jedem Bundesland, in allen Institutionen. Stets gab es Rückfälle."

Die Folgen: "Die Familie ist zerbrochen, ein Sohn ist arbeitslos und war vorübergehend auch obdachlos. Der andere hat wenigstens Arbeit."

Der Schwarzmarkt: "Eine Kapsel Substitol gibt's für 35 Euro. Ein Briefchen mit zehn Tabletten Benzodiazepin kostet zehn Euro. Nach der Einnahme laufen sie mit blau gefärbtem Mund herum und lallen."

Die Angst: "Wenn man im Radio von einem Drogentoten hört, ist es jedes Mal ein Schock. Einer meiner Söhne hat Hepatitis C, jeder Schuss schädigt seine Leber. Ich fürchte, ich werde meine Söhne überleben."

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