Bereichert hat sich Kartnig nicht an Sturm
Gutachter stellt höhere Abgabenhinterziehungen fest als die Finanz - insgesamt 10,5 Millionen Euro. Dem Verein SK Sturm habe Hannes Kartnig aber kein Geld entzogen.

Foto © APAHannes Kartnig
Die Akte Kartnig ist seit wenigen Tagen um 687 Seiten dicker: Das Gutachten des Gerichtssachverständigen Fritz Kleiner hat lange auf sich warten lassen, und es birgt einige Überraschungen.
Überraschung Nummer 1: In Bezug auf die "schwarz" ausgezahlten Löhne an Spieler und Trainer kommt der Sachverständige auf einen strafbestimmenden Wertbetrag von 8,7 Millionen Euro für die Jahre 1998 bis 2006. Rund 60 Spielerverträge wurden auf Herz und Nieren geprüft. Die Finanzverwaltung hatte nur einen Wert von 4,5 Millionen Euro festgestellt. Hier geht es um das Delikt der Abgabenhinterziehung. Der Verdacht bezieht sich auf den Gesamtvorstand. Kleiner verweist auch auf noch laufende Verfahren bei der Finanz.In bezug auf die hinterzogenen Steuerleistung von Hannes Kartnig für seine Gesellschaft und sich persönlich nennt der Sachverständige einen Betrag von 1,8 Millionen Euro - das ist angeblich weniger, als die Finanz errechnet hat.
Überraschung Nummer 2: Die erkennbare Zahlungsunfähigkeit sieht Kleiner rückwirkend bereits ab dem Sommer 2003 gegeben. Das trifft sich mit den Beobachtungen des damaligen Vorstandsmitglieds Erich Fuchs, der im September 2003 zum ersten Mal Alarm schlug. Den Funktionären des Vereins sei der Überblick über die Geldgebarung völlig verloren gegangen, der Verein habe weit über seine Verhältnisse gelebt und auch nach dem Absinken der sportlichen Erfolge die teuren Spieler nicht abgebaut, stellt der Gutachter fest. Vor Gericht geht es dabei um den Verdacht der grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen.
Zahlungsunfähig seit 2003. Die Zahlungsfähigkeit habe nur durch Förderungen des Landes (eigentlich für Investitionen) erhalten werden können. Der Bundesliga wurde diese prekäre Lage nicht mitgeteilt. Kleiner geht davon aus, dass der SK Sturm für das Spieljahr 2003/2004 sonst auch keine Lizenz mehr erhalten hätte. Und Bundesliga und Steirischer Fußballverband erlitten laut Gutachten einen Schaden dadurch, dass durch die "schwarzen" Karteneinnahmen eine Verringerung der ihnen zustehenden Umlagen in Höhe von rund 100.000 Euro erzielt wurde. Dabei geht es um den Betrugsverdacht.
Überraschung Nummer 3: Die Zahlungsflüsse zwischen dem SK Sturm und Hannes Kartnigs Werbefirma "Perspektiven" erscheinen dem Gutachter aus heutiger Sicht "ausgeglichen". Kleiner liefert mehrere Interpretationen der Aktenlage. Wenn man den Anspruch Kartnigs auf Provisionen in Rechnung stelle, hätte seine Firma "Perspektiven" sogar ein Guthaben in Höhe von 1,2 Millionen Euro beim Verein. Kartnig habe jedenfalls im Gegensatz zu den Vermutungen der Finanz keine Erlöse aus den Verwertungen der Werberechte des SK Sturm für sich oder für die "Perspektiven" einbehalten.
Keine Geldrückflüsse. Überraschung Nummer 4: Der Gutachter ist der Ansicht, dass es keinerlei Geldrückfluss aus der Transfersumme für Charles Amoah an Hannes Kartnig oder andere Personen des Vereins gab, und dass auch beim Spielerverkauf Markus Schopp bis auf einen Betrag von rund 6500 Euro alle Zahlungen letztlich ins Vereinsvermögen übergingen. Zahlungen ans Casino habe Kartnig aus Steuergründen zwar falsch deklariert, nämlich als Zahlungen an den Verein, jedoch zur Gänze aus eigenem Vermögen bzw. jenem der "Perspektiven" bezahlt.
Ungeklärt. Behebungen von Kartnig und einem zweiten Funktionär in Höhe von rund 81.000 Euro und 51.870 Euro blieben ungeklärt. Daraus könnte der Staatsanwalt den Vorwurf der Untreue ableiten. Den Rest der 2,4 Millionen ungeklärter Behebungen von diversen Konten, die von der Finanz festgestellt wurden, konnte Kleiner trotz der chaotischen Buchführung eindeutig "schwarzen" Zahlungen an Spieler und Trainer zuordnen.
Üblich. Kleiner hält auch fest, dass die steuerlichen Vorgänge beim SK Sturm zwar nicht korrekt, aber branchenintern offenbar üblich waren: "Die Handhabung der Personalverrechnung bei Sturm Graz zwischen 1998 und 2006 entspricht möglicherweise gängiger Praxis im Fussballgeschäft."
"Auf hoher fachlicher Ebene". Hannes Kartnig und Anwalt Michael Pacher begrüßen es, das nun "auf hoher fachlicher Ebene" bestätigt sei, dass sich Kartnig nicht am Verein bereichert habe. Das Gutachen, so Pacher, sei "ein Höhepunkt" im Ermittlungsverfahren, "aber noch nicht das Ende": Man hoffe, dass man bei der Befragung noch einiges aufklären könne.
Features
Zu Unrecht in U-Haft
28. 8. 2006: Konkursantrag der Finanzprokuratur.
23. 10. 2006: Konkurseröffnung.
23. 4. 2007- Schlussbericht der Steuerfahndung.
7. 5. 2007: Kartnig kam für zwei Monate wegen Fluchtgefahr in U-Haft - "rechtswidrig", wie der OGH später feststellte, die Kaution wurde zurückbezahlt.

















