Arbeitslos in Zeiten der Krise
Zu Gast beim Arbeitslosenstammtisch und der Beschäftigungsinitiative "tag.werk". Über die Guten, die Bösen und die Anderen.

Foto © Erwin Scheriau/Kleine Zeitung DigitalBei der Beschäftigungsinitiative "tag.werk" haben arbeitslose Jugendliche die Möglichkeit tageweise Geld zu verdienen und sich neu zu orientieren
Manchmal erzählt die Stille eine Geschichte. Die Art und Weise wie sie sich in ein Gespräch schleicht. Solche Pausen gibt es beim "Arbeitslosenstammtisch" des Vereins "Amsel" in Graz viele. Zuerst sind alle noch laut, lustig und lärmend. Bis die Stille kommt. Im ersten Stock des Cafes Sorger haben sich Gleichgesinnte im Sesselkreis versammelt.
Innere Zerissenheit. Bei Kaffee, Bier und einer Zigarette. Dinge, die sie sich nicht oft leisten. Sie fragen sich, was sich die anderen denken, wenn sie sich selbst etwas gönnen. Das eigene Bild segelt eben auf Kollisionskurs mit dem von außen. Es werden Hypothesen aufgestellt und widerlegt, Behauptungen untermauert und wieder niedergerissen. Eine Art innere Zerrissenheit, viele sind böse aufs Leben. "Wir haben die Krise schon lange", scherzen sie, bis der Satz seine Wirkung entfaltet. Stille. Sie seien jetzt ja die bösen Arbeitslosen, der Bodensatz zweiter Klasse, nicht die Krisen-Arbeitslosen. "Wir sind schon lange beerdigt." Stille. "Aber wir sitzen alle im selben Boot", rudert einer zurück. Derzeit suchen 50.000 Menschen in der Steiermark Arbeit. Um zehn Prozent mehr als noch im Vorjahr.
Vom Leben angezählt. Das Leben schlägt einen harten linken Haken. Sie wurden angezählt, gingen aber nie zu Boden. Da sitzt der ehemalige Lehrer neben der Chefsekretärin, und ihr Leben leiert im Pausen-Modus dahin, ein ungewolltes Standbild.
3.000 Bewerbungen. Gitta war 30 Jahre lang Sekretärin, seit 1998 ist sie arbeitslos. Sie wohnt in einem Haus, das nie fertig werden wird, mit Möbeln, die ihre Geschwister auf den Sperrmüll werfen wollten. Fürs Amt sei sie nur eine Zahl, sagt sie, eine Frau ohne Eigenschaften. Mittlerweile hat sie rund 3000 Bewerbungen geschrieben. "Leider müssen wir Ihnen mitteilen . . ." und "Wir erlauben uns, Ihre Unterlagen in Evidenz zu halten".
Heuchlerischer Trost. Sie kann den heuchlerischen Trost nicht mehr hören. Neben ihr sitzt Wolfgang Lambrecht aus Graz, 60 Jahre. Früher war er Lehrer. Nachdem er arbeitslos geworden war, war seine größte Angst, als Schülerlotse vor seiner ehemaligen Schule eingeteilt zu werden. Beide kämpfen nun um ihren Lotto-Sechser: Arbeit, ein Leben mit zeitlichem Rückgrat und finanziellem Fundament.
Taschen-Kreationen. Manuel hat eine Zecke aus einer Plane ausgeschnitten. Der Parasit soll auf seiner neuen Taschen-Kreation Blut saugen. Aus dem Radio dudelt Musik, im Vorzimmer morsen die Nähmaschinen, irgendwo kichert ein Mädchen. Die Beschäftigungsinitiative "tag.werk" bietet arbeitslosen Jugendlichen die Möglichkeit, tageweise zu arbeiten und so wieder Struktur in ihren Alltag zu bringen. Für diese Jugendlichen passt das große Glück in eine Handtasche. Sie haben absolut freie Hand, somit ist jede ein echtes Unikat. Wie die Designer. "Back to black", lautet das neue Motto. Ganz anders als Manuel, der so bunt ist und deshalb auf der Straße oft beschimpft wird.
Kein Wunschkonzert. Michael Eisner betreut die Werkstatt. Auf der Warteliste stehen 20 Jugendliche. Die Klientel habe sich verändert, sagt er. Während früher Jugendliche mit Drogen-, oder Alkoholproblemen kamen, kommen nun Einserschüler ohne Lehrstelle. Trotzdem ist auch das "tag.werk" nur eine Übergangslösung. Viele beginnen danach eine Lehre oder ein Studium. Was Manuel sich vom Leben erwartet? "Arbeit für mich, aber das Leben ist halt kein Wunschkonzert."
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MIt der Tasche zurück ins ArbeitslebenFoto © Erwin Scheriau
















