Österreich-Premiere vom "Cirque Noël" in Graz
Staunen ist noch immer die schönste Art, die Augen offen zu halten: "Cirque Noël" ist ein einnehmendes Familienfest in einer Nussschalen-Arena.

Foto © Kleine Zeitung DIGITAL/Erwin Scheriau"Genial schwierig und einfach genial" - so präsentierte sich die Show des "Cirque Noël"
Was für ein Zirkus! Die Boafrau strickt nach ihrem magischen Wickeltanz mit dem Tuch einen Pullover. Der kleine Frechdachs, der seine Beine wie Fred Astaire im Zeitraffer trippeln ließ, bohrt nun seelenruhig in der Nase. Und der Jüngste in der Truppe, im Hintergrund auf Mamas Schoß, nuckelt gerade genüsslich am Fläschchen.
Zirkus einmal anders. Ja, der Cirque Tsiganes von Alexandre Romanès unterscheidet sich tatsächlich mehr als nur ein bisschen vom Zirkus, wie wir ihn kennen: Da wiehern keine weißen Pferde, sondern höchstens die Klarinette in der scharfen Gypsy Band. Da gibt es kein Bombastzelt samt Lichtorgel, sondern quasi eine Arena-Nussschale voller Teppiche, Tücher und Kerzen. Da brüllen keine Löwen, sondern die Zuschauer vor Lachen, wenn eine Jugendausgabe von Mr. Bean zunächst den Tollpatsch gibt und dann so umwerfend mit Bällen und Hüten jongliert, als wollte er dem alten Newton eins auswischen.
"Zigeunerzirkus". Reduktion auf das Notwendigste hatte Direktor Romanès im Sinn, als er Europas ersten "Zigeunerzirkus" gründete. Der Franzose, einst Analphabet und heute Lyriker bei so renommierten Verlagen wie Gallimard, gelang damit eine Poesie des Einfachen. Sein Programm "Cirque Noël", das in der List-Halle Österreich-Premiere feierte und nun 14 Tage Graz beehrt, ist ein unspektakuläres und zugleich unspekulatives Familienfest von Sinti und Roma, das gerade durch seinen Purismus Staunen macht.
"Genial schwierig und einfach genial". Nicht, dass im stürmischen Mosaik aus Musik, Tanz und Akrobatik das Außergewöhnliche fehlen würde: Wer eine der Artistinnen auf dem (niedrigen) Hochseil Polka wirbeln sieht, versteht den Zusammenhang von genial schwierig und einfach genial. Und ein Akrobatenpaar umschlingt sich fünf Meter über dem Boden so sinnlich, als gälte es, Laokoon für Liebende nachzustellen. Da stört es dann auch nicht, wenn es Sängerin Delia, Romanès Frau, beim Hochgeschwindigkeitskurs der Roma-Kapelle einmal aus der Harmonie-Schikane haut. Selbst da zählt der Charme des Unperfekten.
Küchenartistik. Wer seinen Zirkusbesuch übrigens um das "Diner d'Hiver" ausweitet, bekommt neben dem Augenschmaus auch Formidables für den Gaumen: "Manege frei!" heißt es im Hallen-Foyer für Küchenzauberer Christof Widakovich vom Restaurant Eckstein, und "Mischwerk", das Grenzüberschreiter-Quintett von Hermann Härtel junior, serviert feine musikalische Nachspeisen.















