Grazer Kunstinstallation: Ein Mahnmal wider das Schweigen
Im Burgtor stößt man auf Nazitäter Sigfried Uiberreither: Der renommierte Berliner Künstler Jochen Gerz fragt mit seinem Projekt nach Zivilcourage.

Foto © www.oeffentlichekunststeiermark.at
Mit dem Projekt "63 Jahre danach" im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Steiermark kehrt der in Irland lebende Konzeptkünstler Jochen Gerz nach Graz zurück. Titelgemäß geht es dem deutschen Biennale- und documenta-Teilnehmer weniger um die Vergangenheit als um das Heute.
Fragen an Passanten. Den Auftakt setzte am Dienstag die Präsentation der Textinstallation "Ich Sigfried Uiberreither Landeshauptmann" im Grazer Burgtor. Der Reichsstatthalter der Nazis in der Steiermark stellt hier den Passanten "Fragen eines nationalsozialistischen Täters zur Komplizenschaft und zum Schweigen der Mehrheit". Zu einem stets aktuellen Problem also.
Auseinandersetzung. Daran schließt sich nach Gerz' Konzept ein bis in den Sommer dauernder Prozess an, in den Experten, Politiker, aber auch der Normalbürger (unter anderem mit der Kleinen Zeitung als Plattform) eingebunden werden. Am Ende sollen an 24 öffentlich ausgewählten Orten gemeinsam erarbeitete, "aber unspektakuläre Zeichen" die Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen markieren und zum Weiterdenken auffordern.
Große Ambitionen. "Mich interessiert die sichere Seite der Gedenkkultur nicht", sagt Gerz zur Kleinen Zeitung. Denn: "Die Orte der Erinnerung sind Menschen, nicht Denkmäler." Dass der Weg, den der 68-jährige Berliner beschreitet, kein leichter ist, hat er öfter erfahren: So hatte Gerz 1996 einen vom steirischen Heereskommando mit großen Ambitionen ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen. Thema war die düstere Nazivergangenheit des Bundesheer-Schießplatzes Feliferhof als Hinrichtungsstätte.
Jahresrhytmus. Für die Arbeit "Die Gänse vom Feliferhof" waren für das Areal vier Fahnen mit den Sätzen "Barbarei ist die Soldatenbraut", "Auf Mut steht der Tod", "Verrat am Land wird dekoriert" und "Soldaten so heißen wir auch" vorgesehen. Sie sollten danach im Jahresrhythmus durch Texte von Präsenzdienern ersetzt werden. Das Projekt wurde nach massiver heeresinterner Kritik abgesagt.
(Anti-)Monument. Schon 1986 setzte der Künstler das mit seiner Frau Esther Shalev-Gerz entwickelte Hamburger Mahnmal gegen Faschismus der Öffentlichkeit aus. Auf einer zwölf Meter hohen, bleiummantelten Säule sollten Passanten das Objekt gewordene Manifest unterzeichnen. Was viele auch taten. Aber es wurde nicht nur Zustimmung formuliert, rassistische Parolen und Hakenkreuze blieben nicht aus. Die Säule samt Botschaften wurde sukzessive (so sah es der Plan vor) im Boden versenkt. Ein unsichtbares, aber präsentes (Anti-)Monument.
Features
Fakten
Das vom Land Steiermark finanzierte Erinnerungs-
Der Text im Burgtorbogen
Passant, willst Du wissen, wo Du stehst? Willst Du wissen, Unschuldiger, wer Du bist? Wie Du dich krümmst, wenn Du der Macht verfällst, zu ihrem Spielball und Opfer wirst? Willst Du wissen, wie Du vor Schmerz schreist? Ich, Sigfried Uiberreither alias Friedrich Schönharting, ging hier vom 9. Juni 1938 bis 31. März 1940 meiner Arbeit nach. Ich brachte als Landeshauptmann der Steiermark und in der Ausübung meiner sonstigen Ämter viele Menschen um. Ich tat es nicht alleine. Ich tat es nicht selbst. Ich hatte Mitarbeiter. Wenn Du durch das Tor gehst, schäme Dich nicht nur für mich. Wer suchte nach mir? Wer stellte mich vor Gericht? Warum hast Du geschwiegen? Wer hat Dich zum Komplizen gemacht?<
















