Franz Kafka: Gegen die Macht der Väter
Franz Kafka, dessen 125. Geburtstag sich heuer vielfältig niederschlägt, wurde auch von zwei Grazern nicht unwesentlich beeinflusst: von Hans und Otto Gross.

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Der Grazer Hans Gross, Begründer der Kriminologie als wissenschaftlicher Disziplin, und sein Sohn, der Psychoanalytiker Otto Gross, trugen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen paradigmatischen Vater-Sohn-Konflikt aus. Beide standen in einem weit vernetzten Beziehungsgeflecht, zu dem Sigmund Freud und Max Weber, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse gehörten, und beide beeinflussten das literarische Werk von Franz Kafka.
Der ewige Sohn. Kafka, "der ewige Sohn", musste Jus studieren. An der deutschen Universität in Prag belegte er bei Hans Gross Strafrecht, Strafprozess, Rechtsphilosophie. Gross arbeitete an der Zukunft einer "gereinigten" Welt und forderte vehement die Errichtung von Strafkolonien. Dorthin deportiert haben wollte er: Landstreicher, Revolutionäre, Gewohnheitsdiebe, Homosexuelle, Roma, Degenerierte etc.
Hinrichtungsmaschine. Der mit Gross bekannte Robert Heindl hatte auf einer Strafinsel in südlichen Meeren eine Hinrichtungsmaschine entdeckt. In der Erzählung "In der Strafkolonie" beschreibt Kafka minutiös einen Hinrichtungsapparat.
"Der Prozess". Eindeutig durch seinen Lehrer beeinflusst ist Kafkas Roman "Der Prozess". Bei Gross, der Untersuchungsrichter aus Besessenheit war, konnte Kafka die Figur des Richters eingehend studieren. Auch kannte Kafka Gross' "Handbuch für Untersuchungsrichter", ein weltweit rezipiertes Standardwerk. Kafka gebrauchte für seine Erzählungen nicht zuletzt die Sprache des Juristen Gross, die fast martialisch war.
Praktiker. Wenn Gross auch Universitätslehrer war, meint Janko Ferk, so spricht aus ihm über weite Strecken der Praktiker. Und gerade diese Erfahrung ist für den Epiker Kafka das Interessante.
Gegen das Patriarchat. Otto Gross, der Sohn des Kriminologen, war ein Kämpfer gegen das Patriarchat. Die Befreiung aus Vaterrechtszwängen durch rauschhaft-ekstatische Erhebung, Drogen zur Erweiterung des Bewusstseins, rauschhaftes Erleben in der Orgie waren für ihn emanzipatorische Handlungen im Sinne der revolutionären Vorarbeiten für eine bessere, matriarchale Gesellschaft. 1913 ließ ihn sein Vater in Berlin verhaften, in die Psychiatrische Klinik Tulln internieren und entmündigen. Kafka wusste darüber Bescheid, und es gibt Analogien zwischen dem realen Fall Gross gegen Gross und dem fiktiven Fall des Josef K. Sie zeigen, dass Kafkas literarische Straf-, Schuld- und Angstphantasien keineswegs realitätsentrückt sind.
Im Dezember 1915 starb Hans Gross verbittert in Graz. Der Sohn verlor sein Feindbild, aber auch den letzten Halt. Im Juli 1917 lernte ihn Franz Kafka im kafkaesken Rahmen eines überfüllten Nachtzugs auf der Fahrt von Wien nach Prag kennen. In der Prager Wohnung von Max Brod entwickelten Gross, Kafka und Franz Werfel den Plan, eine Zeitschrift "zur Bekämpfung des Machtwillens der Väter dieser Welt" herauszugeben. Kafka notierte: "Wenn mir eine Zeitschrift längere Zeit hindurch verlockend erschien, so war es die von Dr. Gross, deshalb, weil sie mir, wenigstens an jenem Abend, aus einem Feuer einer gewissen persönlichen Verbundenheit hervorzugehen schien."
Fanatismus & Utopismus. Es kam nicht dazu. Otto Gross war physisch wie psychisch am Ende. In der Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde er halb erfroren in einer Hofeinfahrt in Berlin gefunden und starb am 13. Februar 1920. Otto Gross war einer von denen geworden, die sein Vater deportiert haben wollte: drogensüchtiger Psychopath, Degenerierter.
Sein Tod wurde kaum zur Kenntnis genommen. Einer der wenigen Nachrufe stammt von Kafkas Freundin Milena Jesenská. Im "Prager Tagblatt" charakterisierte sie ihn als seltsame Mischung aus revolutionärem Fanatismus und naivem Utopismus. Und Kafka, für den die Arbeiten des Otto Gross eine wesentliche Einführung in die Theorie der Psychoanalyse darstellten, erinnerte sich an dessen Journalprojekt mit lakonischen Worten: "Dass hier aber etwas Wesentliches war, das wenigstens die Hand aus dem Lächerlichen hinausstreckte, habe ich gemerkt."
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Gerhard M. Dienes ist Historiker und im Vorstand der Internationalen Otto Gross Gesellschaft.
Der 7. Otto Gross Kongress findet von 3. bis 5. Oktober in Dresden statt.











