Die Misere um den "Glöckner von Notre Dame"
"Der Glöckner von Notre Dame" liebt und leidet derzeit auf den Grazer Kasematten. Ein Musical-Abend, der Wünsche offen lässt und neue Talente ins Licht rückt.

Foto © APDer Notre Dame in Paris
Ein souveräner Hauptdarsteller, eine viel versprechende Neuentdeckung, aber auch Asyl für einen, der die Ohren der Zuschauer marterte: Das alles bietet "Der Glöckner von Notre Dame" auf den Grazer Kasematten. Die Mauern der Pariser Kathedrale konnten schon durch andere Musicals nicht erschüttert werden, die auf Victor Hugos Klassiker basieren.
Nicht verstecken. Diese Produktion hat weder etwas mit dem gleichnamigen Disney-Musical von Alan Menke noch mit dem französischen Bühnenerfolg "Notre Dame de Paris" von Riccardo Cocciante zu tun. Dennoch braucht sich das von Christian DeLellis, Patrick Langer und Leticia Cordova geschriebene Werk nicht vor der Konkurrenz verstecken (Überarbeitung: Elisabeth Fridrin und Christian Schmidt). Es hat eingängige Melodien (Ohrwurm "Tanz mit mir") und runde Texte.
Die Misere. Die bewusst gesetzten modernen Anstriche (ein Techno-Einschub oder ein Riverdance für Arme) sind Geschmackssache, das gewagte musikalische Fricassée hat durchaus seinen Reiz, wenn auch keine französischen Elemente erwartet werden dürfen.
Victor Hugos ewig gültige Parabel über gesellschaftliche Außenseiter, die Kirche und die Liebe verarmt auf den Kasematten nicht durch das schlichte Bühnenbild, sondern durch die Halbplayback-Variante. Selbst einige Chöre kommen vom Band. Die engagierte Grazer Musical-Akademie hätte sich ein Live-Orchester verdient.
Bessere Budgetierung. Daher wünscht man den Studierenden unter der Leitung von Christian Schmidt, der den Glöckner sängerisch überzeugend und darstellerisch berührend bringt, eine besser budgetierte Musical-Produktion. Diese Talente könnten für einen rauschenden Musical-Erfolg etwa an der Grazer Oper sorgen - allen voran Bernhard Sattler (tolle Bühnenpräsenz mit sicherer Stimme) und die aus der ORF-Show bekannte Simone Fetz.
Fazit: Bei diesem knapp zweistündigen Notre-Dame-Besuch bleibt einiges auf der Strecke, der Großteil des Ensembles macht aber vieles wett.

















