Nikolaus Harnoncourt: "Ich will jetzt selbst scheitern"
Nikolaus Harnoncourt hat in Graz mit den Proben für Mozarts "Idomeneo" begonnen. Er dirigiert seinen Concentus musicus Wien und führt erstmals selbst Regie.

Foto © ReutersNikolaus Harnoncourt feiert in Graz sein "spätes" Regiedebut
Ich kriege keinen Regisseur dazu", das Werk so zu inszenieren, wie es "das größte musikdramatische Genie, das je gelebt hat, komponiert hat", klagt Nikolaus Harnoncourt. Weil er Mozarts Oper "Idomeneo" aber unbedingt einmal in ihrer wahren Gestalt aufführen wollte, blieb ihm nur die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen.
Regiedebüt. In Graz feiert Nikolaus Harnoncourt (78) deshalb heuer sein spätes Regiedebüt. Die "styriarte" ermöglicht ihm mit einem Budget von zwei Millionen Euro, zu dem neben Land und Stadt die Raiffeisen Landesbank und die Grazer Wechselseitige Versicherung namhafte Summen beisteuern, die Realisierung seiner Vorstellungen. Weil der ORF eine geplante TV-Übertragung wieder storniert hat, zeichnet jetzt Felix Breisach die Aufsehen erregende Produktion in der List-Halle im Auftrag des Veranstalters auf.
"Gescheitert". "Vor dreißig Jahren bin ich erstmals gescheitert", erinnert sich Harnoncourt. "Idomeneo" war die erste Mozart-Oper die er je dirigiert hat, mit ihr begann er 1980 in Zürich seinen legendären Mozart-Zyklus mit dem Bühnenbildner und Regisseur Jean-Pierre Ponnelle. Heute blickt er kritisch darauf zurück: "Damals war ich noch zu naiv."
Wiener Staatsoper. Auch mit seiner zweiten "Idomeneo"-Produktion, mit der er 1987 in einer Inszenierung von Johannes Schaaf an der Wiener Staatsoper debütierte, zeigt er sich nicht ganz glücklich: "In Wien bin ich einige Schritte weiter gekommen, aber auch hier war es nicht möglich, den Regisseur von der Form des Werks voll zu überzeugen."
Immer falsch aufgeführt. Die Form ist für Harnoncourt entscheidend: "Der 'Idomeneo' ist eine Oper, die immer vollkommen falsch eingeordnet, falsch verstanden und falsch aufgeführt worden ist", urteilt er harsch. "Er ist zwar in italienischer Sprache komponiert, hat aber mit italienischer Oper nichts zu tun. Er ist keine opera seria, sondern eine von Mozarts Erfahrungen mit der französischen Oper in Paris geprägte Tragédie lyrique".
Das Schlusswort. Das ist keine musikhistorische Haarspalterei, sondern hat handfeste Auswirkungen: Mozart schließt an den ersten und dritten Akt ein Intermezzo an, einen Marsch und eine Chaconne. "Auf das gesungene Finale noch 15 Minuten Ballett folgen zu lassen - das macht kein Regisseur", musste Harnoncourt zur Kenntnis nehmen. Er selbst tut es und überlässt dem Choreographen Heinz Spoerli und elf Solist(inn)en des Zürcher Balletts sozusagen das Schlusswort.
Regisseur. "Ich fühle mich nicht wirklich als Regisseur", spielt Nikolaus Harnoncourt sein spektakuläres Debüt herunter, bei dem ihm sein Sohn Philipp zur Seite stehen wird: "Er hat die Erfahrungen, die ich nicht habe".
"Zeitlosen Sphäre". In die Karten schauen lassen sich die beiden noch nicht. Philipp Harnoncourt spricht von einer "zeitlosen Sphäre" für das Geschehen im antiken Griechenland, sein Vater macht auf einen "Zeitsprung" neugierig. Für die Vaterrolle des Idomeneo hat er den 26-jährigen Tenor Saimir Pirgu ausgewählt: "Wenn ich Leute nach ihrem Alter aussuchen würde, würde ich Kino machen."
Features
MOZARTS "IDOMENEO"
Dirigent: Nikolaus Harnoncourt.
Inszenierung: Nikolaus und Philipp Harnoncourt.
Aufführungen in der Helmut-List-Halle in Graz: 1,, 3., 8., 10., 12. und 15. Juli; jeweils 19 Uhr.
Ö 1 überträgt live die Aufführung am 10. Juli.
Karten: Tel. (0 31 6) 825 000.
















