Diagonale 08 - "Tschuschen:power" als rasant-coole Streetstory
Spritzige Miniserie mit Migrationshintergrund von Jakob M. Erwa hat Zeug zum TV-Serien-Klassiker.

Foto © ORFFoto von Dreharbeiten für die ORF-Miniserie, die bei der Diagonale aufgeführt wurde
Herrlich unverkrampft und positives Herangehen - das
kennzeichnet sowohl Jakob M. Erwas witzigen Zugang zum schwierigen
Thema Migration und Integration als auch das Agieren der Darsteller
in der vorerst zweiteiligen Miniserie "Tschuschen:power", die
Mittwochnacht in Graz auf der Diagonale erstmals gezeigt wurde. Die
ersten beiden Episoden sind vielversprechend und definitiv witziger,
weil authentischer als das erst hochgelobte und dann gefloppte
"Mitten im Achten".
Migrationshintergrund.
Keine Blödelei a la Stefan & Erkan, keine trübsinnigen
Betrachtungsweisen über Chancenlosigkeit - die Clique mit Jamal,
Karim, Milan, Selim und Rafet wirkt aus dem echten Leben gegriffen -
wahrscheinlich weil alle Migrationshintergrund haben und aus
Erfahrung spielen. Später stößt auch noch "Streber" Xaver dazu, als
einziger geborener Österreicher, dazu noch die Girlie-Clique um
Karims Schwester Leyla. Sie interessieren sich für alles, was im
Alter zwischen zehn und 20 Jahren wichtig ist: Spaß haben, Kleidung,
Handy, das andere Geschlecht, herumziehen, mit möglichst wenig
Anstrengung die dazu notwendige Kohle verdienen - und bleiben trotz
aller Schwierigkeiten Freunde, obwohl sie sich's gegenseitig nicht
leicht machen.
Anspielungen und Gags.
Erwa und sein Team haben viele Anspielungen und Gags in die
Charaktere und die Handlung eingebaut, nicht prominent und mit
Riesenleuchtschrift "Pointe"und "Jetzt-kräftig-lachen"-Konserve
gekennzeichnet: Wie die Premiere bewies, kommen die Lacher schon
automatisch und durchaus herzhaft. "Bei Milan ist alles Ex - er kommt
aus Ex-Jugoslawien, wurde am 26. Juni 1991 geboren, dem Tag danach,
als mit Slowenien und Kroatien zwei Republiken ex gingen" und weil er
der Schönling der Bande ist, hat er auch ebenso viele Ex. Oder: Die
Clique fährt mit der U-Bahn Richtung Prater, einer will schlimme
Sprüche auf die Waggon-Wand kritzeln und fragt: "Titten mit einem
oder zwei t?" - "Weiß nicht. Schreib Möpse!" - "Möpse mit einem oder
zwei p?"
"Tschuschen:power". Haben die Burschen Geld, ist es für gewöhnlich nicht lange von
Bestand: Als sie sich für ein Breakdance Battle anmelden wollen, muss
zusätzlich zur Anmeldegebühr von 50 Euro pro Nase ein Gruppenname her
- "Tschuschen:power". Und man ist stolz drauf. Von Bruder Suleyman
borgt man sich 300 Euro Anmeldegeld aus, der will das aber demnächst
zurück. Also kommen sie auf die Idee, im Wiener Morgenstau Kaffee an
gestresste Autofahrer (Reinhard Nowak) zu verkaufen. Dabei hat Karim
- ständig in Angst vor Abschiebung - sein traumatisches Erlebnis mit
einer motorisierten koffeindurstigen Polizeistreife. Das so verdiente
Bare verschneidet "Cliquenkassier" Milan aber für eine Playstation,
die er seinem eingebuchteten Bruder Vlado schenken will, der
einsitzt, weil er nicht wusste, dass das Hütchenspiel in Österreich
verboten ist. So reiht sich Problem an Problem, aber die Kerls und
Mädls wissen - einfach weitermachen in den Straßen von Wien,
irgendwie löst es sich schon - zutiefst österreichisch eigentlich,
die Einstellung.
Rasanz und spritzige Stories.
Ihre Aufenthaltsorte sind die "Freiräume" der großen Stadt, der
Prater, die breiten Straßen, die "Käfige" in den Beserlparks, die
Märkte und die U-Bahnen. Schneller Schnitt, Steadycam und wechselnde
Inserts wie Zählwerke, animierte Stadtpläne verleihen den spritzigen
Stories zusätzliche Rasanz.

















