1917 in GrazAls die Jugend immer mehr verwahrloste

Verwahrlosung, Alkoholismus und Not: Die triste Situation der Jugend führte 1917 zur Gründung des Jugendamtes.

Die Armut war grenzenlos. Im Bild eine Familie in der Grazer Schönausiedlung
Die Armut war grenzenlos. Im Bild eine Familie in der Grazer Schönausiedlung © Amt für Jugend dund Familie
 

Während die Väter an der Front starben, kämpften die Mütter verzweifelt ums Überleben im Hinterland. Sie schufteten in Fabriken, litten Not und Hunger. Dennoch wurde in jenen verzweifelten Tagen des Ersten Weltkriegs den Frauen oft die Hauptschuld daran gegeben, dass die Kinder verwahrlosten. Denn genau das passierte.

Vor allem in Graz wuchsen Kinder mehr oder weniger wild auf, ohne Fürsorge und Ansprache. Die langen Arbeitszeiten der Mütter boten den Nährboden für Verwahrlosung, viele Kinder mussten selbst arbeiten. Vor allem die männlichen 10 bis 14-Jährigen, die in den Mietskasernen aufwuchsen, waren davon betroffen. Diebstähle, Alkoholismus, Vagabundieren und „geschlechtliche Unsittlichkeit“ nahmen drastisch zu.

Kinderarmut: Die Grazer Kindergärten

Kindergarten Sackstraße

Amt für Jugend und Familie

Kindergarten Herrgottwiesgasse

Amt für Jugend und Familie

Kindergarten Brockmanngasse

Amt für Jugend und Familie

Kindergarten Franz Josefs Kai

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Kindergarten Schloss Harmdorf

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Städtisches Waisenhaus

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Schönausiedlung

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Dazu kam, dass viele steirische Schulen die Kinder nur eingeschränkt betreuten. Es mangelte an Lehrern, oft wurden die Gebäude requiriert oder es fehlte schlichtweg an Heizmaterial. So kam es, dass sich das verstärkte, was bereits 1899 in einer Studie des statistischen Landesamts festgestellt worden war: die Verwahrlosung von Kindern nahm stark zu.
Auch der Anteil an Jugendkriminalität stieg. Rudolf Glesinger, Jugendreferent der Grazer Polizei, konstatierte 1915 in einem Bericht, „dass heuer bereits 500 Jugendliche von der Polizei aufgegriffen worden seien, eine Steigerung um 50 Prozent zum Jahr davor.“

In Graz war es besonders zur Ferienzeit auffallend. Es wurden zwar private Vereine eingeführt, wie etwa der Allgemeine Frauen-Hofausschuss oder der Verein für Krippen- und Kinderbewahranstalten, doch sie konnten sich nicht um alle Kinder kümmern. Glesinger forderte nun sogar eine militärische Verwendung der Jugend beim Militärkommando Graz ein, um sie von der Straße fern zu halten. Außerdem sollten Schulkinder in den Ferien aufs Land geschickt werden und die Kinderbewahrungsanstalten auch in den Ferien offen halten. Letzteres wurde noch im Frühjahr 1915 durch das k.k. Unterrichtsministerium umgesetzt.

Doch die Maßnahmen fruchteten nur bedingt, 1916 forderten die Gerichtsbehörden, dass es eines unabhängigen von der Stadt geleiteten Amtes bedarf. Und am 15. Mai 1917 war es dann tatsächlich soweit: das Jugendschutzamt öffnete seine Pforten. Sein erster Leiter war, richtig, Rudolf Glesinger.

Gegen Jugendelend

Zu seinem Team gehörten sechs Beamte und drei Kinderpflegerinnen. Innerhalb weniger Jahre sollte es Glesinger aber tatsächlich gelingen, ein „effektives Instrument gegen Jugendelend“ aufzubauen, wie es in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Jugendamtes im Vorjahr hieß. Glesinger hatte – mit Unterbrechung während der NS-Zeit – mehr als 36 Jahre lang die Jugendführsorgeaktivität von Graz mitgeprägt.
Ein Jahr nach seinem Tod im Jahr 1957 wurde das Steiermärkische Jugendschutzgesetz erlassen, „zur Sicherung einer normalen Entwicklung der Jugend“. Im Vorjahr feierte das Amt für Jugend und Familie unter der derzeitigen Leitung von Ingrid Krammer sein 100-jähriges Bestehen.

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