Billige ,,Jahreskarte Graz''Warum diese Erfolgsgeschichte auf halbem Weg stecken bleibt

Vor drei Jahren wurde die billige Öffi-Jahreskarte in Graz eingeführt. Warum Experten die „Erfolgsgeschichte“ dennoch kritisch sehen.

Auch Verkehrsstadträtin Elke Kahr besitzt eine Jahreskarte für die Graz Linien © Michael Saria
 

Die Kurve zeigt seit drei Jahren nur in eine Richtung: nach oben. Steil nach oben. Seitdem die Stadt Graz im Jänner 2015 die billige Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel in der Zone 101 eingeführt hat, hat sich die Zahl der verkauften Jahreskarten fast vervierfacht. Von 12.285 im Jahr 2014 auf 40.320 im Jahr 2016. Für das 2017er-Jahr liegt noch keine endgültige Abrechnung vor, aber es wird wieder ein Plus vorne stehen. Der aktuelle Preis: Grazer zahlen 247 statt der vollen 422 Euro.

Von einem Erfolgsmodell ist in der Stadt daher deshalb die Rede. Weniger gerne spricht man dabei aber von den anderen Kartentypen. Bei denen zeigt die Kurve nämlich auch ständig in eine Richtung: nach unten. Vor allem die Halbjahreskarten sind nahezu komplett eingebrochen, aber auch bei Wochen- und Monatskarten gibt es massive Rückgänge. Die Kurzzeittickets, also Stunden- und 24-Stunden-Karte blieben hingegen stabil.

Die Ticket-Bilanz der Graz Linien

Im Jänner 2015 gab es die verbilligte Jahreskarte für Grazer erstmals zu kaufen. Das hatte massive Auswirkung auf die Ticket-Bilanz der Graz Linien. Eine Auswahl:

Verkaufte Jahreskarten 2014: 12.285
Verkaufte Jahreskarten 2015: 37.526

Verkaufte Halbjahreskarten 2014: 3443
Verkaufte Halbjahreskarten 2015: 818

Verkaufte Monatskarten 2014: 131.070
Verkaufte Monatskarten 2015: 79.641

Barbara Muhr, bei der Holding im Vorstand für die Graz-Linien zuständig, hat diese Entwicklung erwartet, die Dynamik hat sich aber doch überrascht. „Meine Erwartungen wurden übertroffen. Ich hatte nicht mit so einer kontinuierlich positiven Entwicklung gerechnet.“ Dass das auf Kosten der Wochen- und Monatskarten geht, war ihr klar. „Aber für ein Unternehmen kann es nichts Besseres geben als Kunden, die sich fix binden.“

Der betriebswirtschaftliche Aufwand hält sich die Waage mit dem Auftrag der Daseinsvorsorge, den wir als Graz Linien erfüllen.

Barbara Muhr

Aus ihrer Sicht entscheidend: Die Fahrgastzahlen steigen. Von 106,6 Millionen im Jahr 2014 gab es einen kräftigen Schub auf 113,2 Millionen im Jahr 2015, 2016 wurden 115,2 Millionen Menschen befördert. Dass die Maßnahme der Stadt Graz mehrere Millionen Euro kostet, ist Muhr bewusst. „Aber der betriebswirtschaftliche Aufwand hält sich die Waage mit dem Auftrag der Daseinsvorsorge, den wir als Graz Linien erfüllen“, sagt sie.

Experte vermisst einen Lenkungseffekt

Für eine „grundsätzlich super Idee“ hält auch Markus Frewein das verbilligte Jahresticket. Der Geschäftsführer des Planungsbüros „Verkehr plusvermisst dabei aber etwas Entscheidendes: einen Lenkungseffekt. Zwar lockt die billige Jahreskarte tatsächlich mehr Menschen in Bus und Straßenbahn, aber das Mobilitätsverhalten in der Stadt ändert sich dadurch nicht. Und das sollte ja das Ziel sein.

Wer den öffentlichen Verkehr attraktiver macht, verliert rasch Fußgänger, lautet eine Faustregel unter Verkehrsplanern. „Aber ich gewinne damit nicht automatisch Autofahrer“, so Frewein. Aus seiner Sicht ist die Idee mit dem billigen Jahresticket daher nicht zu Ende gedacht. Die Stadt setze auf „das Prinzip Hoffnung. Und das ist aus Sicht eines Verkehrsplaners bei dem vielen Geld, das hier investiert wird, zu wenig“, so Frewein. Er wünscht sich daher, die billige Jahreskarte an andere Dinge zu koppeln. „Da kann man vieles diskutieren, etwa eine Anhebung der Parktarife, auch für Anrainer.“

Kommentare (4)

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alwin
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Gutes Geschäft für die Holding Graz Linien!

Aus den veröffentlichen Zahlen ( Vergleich von 2014 mit 2015 ) muss man von einem sehr guten Geschäft für die Holding Graz Linien ausgehen. Denn die Fahrgastzahlen haben sich um nur 6,2% erhöht, die Zahl der verkauften Fahrkarten allerdings um 79% !!! Also wurden die erworbenen Karten nicht wirklich genutzt. Vielleicht ist es "in" eine Jahreskarte zu erwerben, aber nicht zu nutzen - guter Trend für die Linien - oder liege ich hier falsch?

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gerbur
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Warum höhere Parktarife für Anrainer

diese dazu bewegen sollen auf Öffis umzusteigen ist mir nicht klar. Deswegen wird doch keiner sein Auto gleich verkaufen. Die jahreskarte ist absolut auch ohne Zusatzmaßnahme sinnvoll, man sollte diese günstige Möglichkeit über haupt jedem gewähren, der dies Karte kauft, nicht nur Grazern.

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eleasar
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@gerbur: Es geht um die Lenkungsfunktion.

Natürlich wird nicht jeder sein Auto verkaufen, wenn die Parkgebühren steigen. Aber solange ich als Anrainer um heiße 0,35 Euro/Tag in der blauen Zone parken kann, während die Öffi-Tarife jährlich steigen, fehlt der Anreiz, überhaupt nachzudenken. Die Stadt verschleudert öffentlichen Park-Grund aus Angst vor Stimmverlusten.

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Acquario
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Pendler müssen mit sanftem Druck gezwungen werden auf Öffis umzusteigen!

Wir Grazer leiden Jahr um Jahr am Feinstaub - aber tagtäglich müssen 150.000 Pendlerautos nach Graz pendeln. In vielleicht jedem zehnten Auto sitz mehr als eine Person....

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