Steirerin des Tages

Sie kämpfte sich zurück ins Leben

Schwerer Schlaganfall, Koma. Vor 15 Jahren gaben die Ärzte Michaela Rautz aus Graz eine zehnprozentige Überlebenschance. Doch ihr Wille war viel stärker.

„Das Lachen habe ich nie verlernt“: Michaela Rautz
„Das Lachen habe ich nie verlernt“: Michaela Rautz © Jürgen Fuchs
 

Eines Nachts, im Frühling 2001, wurde plötzlich alles schwarz. Michaela Rautz kann sich nur noch daran erinnern, dass sie einen Krampf hatte und um halb zwölf Uhr auf die Toilette gegangen ist. Sie sollte erst fünf Tage später wieder aufwachen. „Ich bin im Bett gelegen und konnte nicht sprechen. Ich habe zu meiner Zimmernachbarin hinübergeschaut und realisiert, dass mir etwas Schlimmes passiert ist“, schildert sie.


Schließlich erzählte ihr eine Ärztin, was geschehen war: ein schwerer Schlaganfall, mit 34 Jahren. Totaler Sprach- und Bewegungsverlust. Die Halsschlagader sei fast ganz verstopft gewesen, sie hätte fünf Tage lang im Koma gelegen. Und die Ärzte hatten ihr nur eine zehnprozentige Überlebenschance gegeben. „Meine Welt ist zusammengebrochen. Ich wollte nicht mehr weiterleben. Ich habe zwei Tage lang überlegt, ob ich zu meiner Familie zurückgehen soll. Oder nicht.“


Vor dem Tag, als alles schwarz wurde, war Michaela Rautz eine Frau voller Energie: Sie studierte Sportwissenschaften und Latein auf Lehramt, heiratete, brachte zwei Kinder auf die Welt, machte in der Karenz die Sonderschulausbildung. „Meine Tochter habe ich zwischen den Vorlesungen gestillt“, erzählt die staatlich geprüfte Tennis- und Skilehrerin, die mit ihrem Mann gerne Radtouren unternahm. Auf den Großglockner oder den Kaunertaler Gletscher zum Beispiel. Und: „Ich war eine richtige Plaudertasche.“ Heute spricht sie bedächtig – Grund ist die Aphasie, eine Sprachstörung infolge des Schlaganfalls.


Was tun mit der Bürste?

Zwei Tage nach der verheerenden Diagnose entschloss sie, sich ins Leben zurückzukämpfen. „In der ersten Einheit hat mir die Physiotherapeutin eine Haarbürste in die Hand gedrückt. Ich habe nicht gewusst, was ich damit tun soll – und wo sich die Haare überhaupt befinden, wo links oder rechts sein soll.“


Vier Monate lang saß die heute 50-Jährige im Rollstuhl. Auf der Schlaganfallstation der Sigmund-Freud-Klinik arbeitete sie hart, um wenigstens einen Teil ihres alten Lebens zurückzubekommen. „Ich war sehr ehrgeizig. Ich wollte nicht so werden wie die anderen Patienten, die ich auf der Station gesehen habe.“ Als ihr Vater zu Besuch war, nahm sie sich vor, „Opa“ zu sagen. Die drei Buchstaben kamen ihr tatsächlich über die Lippen. Es waren die ersten seit vielen Wochen.


Auf Erfolge – Kaffee kochen, sich selbstständig anziehen, ein paar Schritte gehen – folgten auch Rückschläge. „Als ich eine Zeitung entdeckte, habe ich mich total auf das Lesen gefreut. Als ich sie aufgeschlagen habe, konnte ich mit den Buchstaben nichts anfangen.“ Das Lesen ist bis heute, 15 Jahre nach dem Schlaganfall, nicht leicht. „Eine Seite geht, mehr ist viel zu anstrengend.“


Das Leben zu Hause ging weiter: Tochter Lotte war damals vier Jahre alt, Sohn Jakob fünf – er hatte als Frühchen keinen leichten Start, musste gleich wie die Mama zur Ergotherapie und Logopädie. „Konrad, mein Mann, war meine große Stütze. Aber die ganze Familie half mit, sonst wäre es nicht gegangen.“


Von damals 13 Medikamenten muss Michaela Rautz heute kein einziges mehr nehmen, nur zur Physiotherapie geht sie weiterhin alle 14 Tage. Sogar Sport macht sie wieder: Seit sieben Jahren spielt sie Tischtennis, erst vor wenigen Wochen ist sie zum dritten Mal in Folge dreifache Staatsmeisterin (im Einzel, Mix und Doppel) in ihrer Klasse geworden. Wichtiger sind aber andere Erfolge: Rautz fährt trotz halbseitiger Lähmung Auto und Fahrrad (ein Dreirad namens „Irschi“), kocht und backt („Nur den Strudelteig macht Mutti!“), schafft den Haushalt. „Ich habe in den 15 Jahren entdeckt, was man alles mit einer Hand machen kann.“ Nachsatz, nicht ohne Stolz: „Sogar Betten überziehen geht!“

Kommentare (3)

Kommentieren
kernh
0
5
Lesenswert?

meine Hochachtung

viel Kraft und positive Lebenseinstellung. Mein Mann kämpft sich zur Zeit auch zurück ins Leben.

Antworten
kronenzeitungforever
0
7
Lesenswert?

Großer Respekt!!

Alles Gute !!!

Antworten
Hopala
0
7
Lesenswert?

Alles erdenklich Gute

weiterhin

Antworten

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.