Integration

Hier ziehen Polizei, Politik und Flüchtlinge an einem Strang

Pilotprojekt in Graz: Polizei, Politik, Ehrenamtliche und Flüchtlinge arbeiten im „Weichenstellwerk“ gemeinsam. Warum Sprachkurse gut, aber nicht gut genug sind. Von Gerald Winter-Pölsler

© Alexander Danner
 

Begonnen hat es mit einem kleinen Sitzkreis in der Kreuzkirche beim Volksgarten. Das war im April 2015. Mittlerweile ist die Aktion förmlich explodiert, denn heute sind mehr als 500 Asylwerber und bis zu 60 Ehrenamtliche engagiert. Deshalb hat man nun das Projekt „Weichenstellwerk Graz“ aus der Taufe gehoben und bezieht offiziell mit heute neue Räume bei der alten Remise in der Steyrergasse der Graz Linien.

Das Ziel ist dasselbe geblieben: Jenen Asylwerbern, die - etwa im Park - ihre Zeit totschlagen, eine Perspektive zu bieten. Die Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft, darin sind sich alle einig. Tatsächlich gab es Sprachkurse aber nur für anerkannte Flüchtlinge - nicht für Asylwerber.

Zum Nichtstun verdamm

„Ich warte seit einem Jahr und vier Monaten auf mein Asylinterview“, erzählt einer. Das heißt: seit einem Jahr und vier Monaten ist er zum Nichtstun verdammt. Das hat sich mit dem Projekt „Weichenstellwerk“ geändert.

Dort, wo früher die Straßenbahnweichen gestellt wurden,  werden nun Weichen im übertragenen Sinn gestellt: für eine bessere Integration in Graz. „Es ist die erste Sprachschule, die mehr als nur Sprache vermittelt“, sagt Werner Miedl, der das Projekt über den Verein „Sicher leben“ initiiert hat. Die Sprachkurse reichen von Alphabetisierung bis zu einfacher Alltagssprache (A2-Niveau). „Und es sind schon viele Freundschaften zwischen Lehrern und Schülern entstanden“, erzählt Julia Kosmus, die die Kurse mit den vielen Ehrenamtlichen koordiniert.

Einzigartig: Die Polizei ist mit an Bord

Zur reinen Sprache werden auch alltägliche Verhaltens- und Umgangsformen vermittelt, selbst die Polizei erklärt, wie das Asylverfahren läuft und wie man sich bei den Behörden zurechtfindet.

Und genau das ist das Einzigartige beim „Weichenstellwerk“: Dort ziehen die Polizei über Community Policing und der Initiative „Gemeinsam sicher“, die Stadt über das Integrationsreferat von Kurt Hohensinner (ÖVP) und die ehrenamtlichen Studenten an einem Strang.

Den Erfolg sicherstellen sollen zwei Integrationsfiguren: der Afghane Fereydoun Zahendi und der Syrer Tammam Al Bazari. Beide sind anerkannte Flüchtlinge und fungieren als Ansprechpersonen für die jeweiligen Communities.

„Wir müssen in Integration investieren, menschlich wie finanziell“, sagt Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) bei einem ersten Rundgang. Und an die anwesenden Asylwerber gerichtet: „Ihr Beispiel ist wichtig, um zu zeigen, dass ein gerader, guter Weg möglich ist.“