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VOR DANKGOTTESDIENST

August Schmölzer würdigt Bischof Kapellari

Zum Abschied von Bischof Egon Kapellari, dem am Sonntag ein Dankgottesdienst im Grazer Dom gewidmet ist, verfasste „Gustl58“-Initiator August Schmölzer einen sehr persönlichen Brief.

Gemeinsame Traktorfahrt: Bischof Kapellari, August Schmölzer
Gemeinsame Traktorfahrt: Bischof Kapellari, August Schmölzer © Alois Rumpf
 

Ich bin nicht wegen der Skandale aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten. Und schon gar nicht wegen der Kirchensteuer. Rein persönliche Gründe haben mich damals dazu bewogen.


In der Volksschule habe ich vom gütigen Gott, dem alten Mann mit weißem Bart am Firmament gelernt, der alle Menschen gleich liebt. Als ich das erste Mal bewusst das Innere unserer Dorfkirche wahrnahm, war es dort dunkel, überall halb nackte, gefolterte Menschen, Blut und Schmerz, Weihrauchdampf. Niemand lachte oder war fröhlich, selbst die Loblieder auf Gott klangen gedrückt, schuldbeladen, und Angst war spürbar. Und weit und breit kein liebevoller Gott, wie ich es gelernt hatte. Mitten drinnen Gottes Sohn, Jesus, gekreuzigt.

ZUR PERSON

August Schmölzer, geboren am 27. Juni 1958 in St. Stefan ob Stainz.


Schauspieler und Schriftsteller. Ausbildung an der Kunstuni Graz und in New York. Seit 1982 Theater, Kinofilme, Fernsehproduktionen – dazu diverse Buchprojekte.


Herzensbildner. Gründete 2005 „Gustl58 – Initiative zur Herzensbildung“: zur Förderung von Kindern, zur Unterstützung von Menschen in sozialen Nöten und um im Sinne von Freiheit und Frieden aufklärend zu wirken.

„Er ist für dich gestorben, und hat dich dadurch von der Erbsünde befreit“, sagte der Pfarrer „Um Gottes Willen, was habe ich denn so Schlimmes angestellt, dass jemand für mich sterben muss?“, fragte ich ihn und schon hat es geknallt.


Niemand hat versucht, mir als Kind das alles zu erklären. Ich habe alles unter Zwang gelernt und nachgemacht, ohne Sinn und Verstand, ohne Herz und Seele. Das Schlimmste war, dass mir dadurch der Zugang zur Spiritualität verschüttet wurde.


Ich wollte nicht durch die römisch-katholische Kirche für den Staat zu einem moralisch handhabbaren Bürger zurechtgezimmert werden. Je älter ich also wurde, desto weiter entfernte ich mich von der Kirche und wurde zu einem sogenannten „Karteileichen-Christen“. Bis sich bei mir Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem, wer bin ich, woher ich komme und wohin ich gehe, einstellten und meine Sehnsucht nach gelebter Spiritualität erstarkte. Da durfte ich der Beschäftigung mit der Lehre der römisch-katholischen Kirche nicht ausweichen. Um aber einen Neuanfang zu machen, musste ich aus der Kirche ganz heraustreten.


Als ich mit Kardinal König, den ich bei meinem Mentor, dem Burgschauspieler Hans Jaray in Wien, kennenlernen durfte, darüber sprach, sagte er: „Wenn es Sie so sehr beschäftigt, dann gehen Sie ihren Weg, nur so werden Sie alles für sich herausfinden.“


Als ich vor ca. acht Jahren Bischof Egon Kapellari persönlich kennenlernte, habe ich ihm diese Geschichte erzählt. Und etwas, das mich später immer wieder an ihm beeindrucken sollte, passierte – der MENSCH Egon Kapellari hörte dem MENSCHEN August Schmölzer einfach zu, ohne zu werten. Das schaffte Vertrauen zwischen dem BISCHOF und MIR. Seine Liebe zu jeglichen Künsten verband uns ebenfalls sofort. Bei ihm kann sich Humor zum Schalk entwickeln, das verbindet uns auch.


Nie hat er mir ein „Sie müssen und Sie sollten“ oder sonstige Gewissenszwänge auferlegt.


Kein Druck. „Ich wünschte mir, Sie wieder für die Sache Gottes und seiner Kirche gewinnen zu können“, sagte er, „und ich werde beharrlich hoffen“. Porta patet, magis cor (die Tür steht offen, mehr noch das Herz) schrieb er mir.

GOTTESDIENST

Der Dankgottesdienst mit Bischof Egon
Kapellari wird am Sonntag um 15 Uhr im Grazer Dom gefeiert.

Und von Anfang an hat er unsere Veranstaltungen der „Gustl58 – Initiative zur Herzensbildung“ besucht. Er ist sogar einmal mit einem Oldtimer Traktor von St. Stefan nach Stainz gefahren. Er hat mit uns ein Glaserl Schilcher getrunken und mit uns gelacht. Hat unseren Freunden mit Behinderung Trost gespendet. Und je mehr ich den BISCHOF kennenlernte, desto mehr begegnete mir der Mensch Egon Kapellari. Freundschaftlich, sensibel und doch in der Sache klar und stark. Hochgebildet, eher konservativ, doch immer Kompromisse suchend und am Puls der Zeit, nie nachtragend, immer voll Interesse, nach vorne schauend mit dem Ziel, seinen Beitrag zu einer friedlichen, toleranten Welt zu leisten – ob zum unseligen steirischen Bettelverbot, zum klerikalen Missbrauch von Minderjährigen oder in dem Kunststreit „Grüner gekreuzigter Frosch“ von Walter Kippenberger. Wo er, in einer sehr oberflächlich geführten Diskussion über Kunst und Künstler, mehr Tiefe einforderte. Und all das nie laut, sondern immer leise, dafür konsequent und klar.


Einmal war ich zu einem Mittagessen geladen, darunter auch der Herr Bischof. Ich hatte am Nachmittag noch eine komplizierte Kieferoperation vor mir. Als ich ein Glas Sekt mit Hinweis auf die Operation ablehnte, meinte der Bischof ironisch, das würde bei der Operation sicher als Narkose helfen. Alle lachten und ich wollte originell antworten und sagte: „Herr Bischof, dann bitte ich doch lieber gleich um Ihren Segen.“ Wiederum Gelächter. Der Bischof stand zu aller Überraschung auf und segnete mich. Nun lachte niemand mehr, denn etwas Besonderes war in unserer Mitte und das spürte nicht nur ich. Das werde ich nie vergessen. Die Operation ist übrigens sehr gut verlaufen.


Hochwürdigster Herr Bischof, ich danke Ihnen für so vieles, im Namen der „Gustl58 – Initiative zur Herzensbildung“ und unserer so zahlreichen Freunde und Schützlinge mit Behinderungen. Ich danke Ihnen, dass Sie meinen persönlichen Weg zu Gott nicht nur akzeptieren, sondern mich, wie einst Kardinal König, auch darin bestärken. Danke für Ihre Offenheit und Ihren Humor. Dass ich Gott in meinem Herzengefunden habe, das hat sehr viel mit Ihnen zu tun.


Gott schütze Sie, schenke Ihnen Gesundheit, Muse zum Schreiben und zum Mönchsein. Bleiben Sie aber bitte der Seelsorge treu, nichts Wichtigeres gibt es heute für die römisch-katholische Kirche zu tun, als Menschen in dieser so unruhigen Zeit des Umbruchs beizustehen.

Porta patet, magis cor
Ihr August Schmölzer

Kommentare (1)

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hermannsteinacher
0
1
Lesenswert?

Danke schön für den sehr guten Artikel!

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