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Grazer LKH: Im Notfall keine Hilfe

Notstand am Grazer Klinikum: Weil kein Bett frei war, wurde Schwerverletzter abgewiesen. Wiener Ärzte als Lebensretter.

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Der Alptraum jedes Patienten wurde für einen jungen Oststeirer in der Nacht zum vergangenen Dienstag wahr: Nach einem schweren Verkehrsunfall hatte sich der Zustand des 23jährigen Monteurs Andreas P. verschlechtert, ein Einriss der Hauptschlagader bedrohte sein Leben. P. sollte deshalb vom Marienkrankenhaus Vorau in die Intensivstation der Grazer Herzchirurgie verlegt werden.

Kein Bett frei. Doch dort war kein einziges Bett mehr frei - schon gar nicht in der chronisch überlasteten Intensivstation. Der diensthabende Arzt arbeitete gerade im Operationssaal, zwischendurch musste er über die Aufnahme von P. "verhandeln". Der Patient wurde abgewiesen - nicht nur wegen Überfüllung, sondern auch, weil man den Fall als bloß "verschiebbare Dringlichkeit" bewertete. Die verzweifelten Eltern wandten sich an das Allgemeine Krankenhaus in Wien. Ergebnis: Dienstag früh wurde P. sofort per Rettungshubschrauber ins AKH verfrachtet. In einem vier Stunden dauernden Eingriff bekam er ein rohrförmiges Implantat, den so genannten "Stent" gesetzt. "Der Arzt hat gesagt, mein Sohn hätte die nächste Nacht nicht mehr überlebt", berichtet der geschockte Vater.

Turbulente Nacht. Über den genauen Verlauf der turbulenten Nacht gehen die Schilderungen weit auseinander. "In Graz hat man die Aufnahme konsequent verweigert", sagt der Vorauer Primararzt Jürgen Wutte. "Man hat uns gesagt, selbst wenn wir den Patienten vor die Tür stellen, wird er wieder zurück geschickt." Der Chef der Grazer Herzchirurgie, Karlheinz Tscheliessnigg, will das so nicht bestätigen: "Wir haben getan, was wir konnten. Aus unserer Sicht lag keine unmittelbare Lebensbedrohung vor." Dazu wurde eigens der renommierte Spezialist Peter Oberwalder, der Erfahrung aus den USA (Texas Heart Institute) hat, hinzugezogen.

"Raschest behandeln". Wieder anders schildert der Wiener Herzspezialist Werner Mohl die Lage: "Für uns war klar, dass so eine Verletzung raschest behandelt werden muss." Also eine Fehleinschätzung in Graz? Mohl hält sich zurück: "Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es ist sicher sinnvoll, diesen Vorfall zu evaluieren." Für heute, Donnerstag, ist ein Gespräch mit allen Betroffenen geplant. Im Hintergrund dürfte auch ein Richtungsstreit der Forscher stehen. Während man in Graz eher zuwartet und dann operiert, wird in Wien sofort behandelt, aber statt der Operation eine Art Katheter - eben der "Stent" - verlegt.

Kapazitäts-Engpässe. Die eigentliche "Affäre hinter der Affäre" sind aber die untragbaren Kapazitäts-Engpässe an der Herzchirurgie in Graz. "Die Situation wird immer dramatischer, wir haben viel zu wenig Intensivbetten und Operationskapazitäten", sagt Tscheliessnigg. Statt 1400 Eingriffen pro Jahr schafft man nur 900, die restlichen Patienten werden in einer grotesken Mangelverwaltung nach Linz, Wels, Wien und Klagenfurt verschickt. Dies, obwohl man täglich bis 19.30 Uhr am laufenden Band operiert.

Viele Verschiebungen. Zusätzlich werfen Notfälle jede Planung über den Haufen. Gesetze Operationen werden bereits bis zu vier Mal verschoben, die Patienten werden in vier Dringlichkeitsklassen gereiht. Tscheliessnigg: "Was wir machen, ist Triage. Normalerweise gibt es das nur in Kriegs- und Katastrophenfällen. Bei uns ist es Alltag."