Augmented Reality

Ingress: Spione, Smartphones und eine neue Welt

Vor dem Bildschirm hockend - das war bisher das Bild des Computerspielers. Das Spiel Ingress ändert das. Hunderte erheben sich aus dem Sessel, streifen durch die Städte und werden zu "Agenten". Reportage von Roman Huber

© videothum1.jpg | Foto: KK
 

Die Finger sind kalt und das Glas am Smartphone sorgt dafür, dass sie noch kälter werden. Die warme Couch war gestern, heute spielt man draußen, in der winterlich kalten Real-World. Wenn ein "Agent" durch die Stadt geht - den Blick gebannt auf das Handy - würden die meisten vermuten, dass der eine SMS oder Email schreibt. In Wahrheit verteidigen Ingress-Spieler die reale Welt vor den virtuellen Invasoren oder helfen ihnen - je nachdem auf welcher Seite man spielt. Am Grazer Hauptplatz treffen Thomas Norimaki und Simon Rose aufeinander.

Beide nutzen Ingress, ein Spiel von Google. Die Geschichte liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Mit dem Smartphone in der Hand gehen die Spieler durch die Straßen, am Display ein Stadtplan voller weißer Flunker - die Exotic Matter. Sie kommt von einer anderen Dimension, geschickt von den Shapern, die versuchen, auf die Erde zu kommen. Möglich wird das durch Portale rund um Sehenswürdigkeiten. Ein Blick auf den virtuellen Plan genügt, und man sieht sie sofort, hell leuchtend in blau oder grün. Denn es gibt zwei Seiten. Die Gruppe der Enlightened, grün, will den Shapers helfen, auf die Erde zu kommen. Die Gruppe der Resistance, blau, will das verhindern. Rund um die Portale schwirren die weißen Flunker und dort stehen auch sogenannte Resonatoren, welche als Schutz dienen. Ein Tapser auf den Bildschirm und schon wird eine Energiewelle gezündet, welche diese zerstört. Ein weiterer Tapser öffnet die Portalansicht, schnell eigene Resonatoren setzen und schon ist das Portal erobert.

Erweiterte Realität

Die Software arbeitet mit "Augmented Reality" - neudeutsch für erweiterte Realität. Mit Hilfer einer Brille oder eines Smartphones kann man Zusatzinformationen über seine Umgebung erhalten. "Diese Anwendungen wurden anfangs vom Militär entwickelt", erklärt Christian Kittl, wissenschaftlicher Leiter des Grazer Innovationsunternehmens evolaris. In Zukunft wird diese Technologie immer stärker unser Leben beeinflussen. Unternehmen wie Knapp Logistics setzen sie für Service-Techniker ein, die neuen Modelle von BMW blenden Zusatzinformationen in die Windschutzscheibe ein.

"Es ist einfach nur geil", beschreibt Norimaki das Spiel und reibt sich dabei die Hände, nicht nur um sie zu erwärmen. Im Spiel kennt man ihn als "TheDroid" und er ist einer der mächtigsten Spieler der Resistance in Graz. Am Hauptplatz trifft er sich mit Simon Rose, seine Mitagenten nennen diesen "Crazysoldier". Für ihn ist es das Spannendste, "dass man wirklich draußen herumgehen muss und zu den Portalen hingehen muss, um diese zu hacken." Vor allem in der Herrengasse. Hier befindet sich der Playground - neue Spieler finden hier leicht einzunehmende Portale vor, wie die Mariensäule oder das Zeughaus.

Zauber in der Welt

Eben diese Erweiterung des städtischen Umfelds sieht der Medienwissenschaftler Rainer Winter als Erfolgsfaktor für das Spiel. "Bereits in den 1960er Jahren gab es die Bewegung des Situationismus. Die Leute wollen die Stadt anders erleben. Flashmobs sind auch ein Teil dieser Kultur. Max Weber spricht von der Verzauberung der Welt. Spiele wie Ingress bringen sozusagen den Zauber zurück in die Welt." Wie bei vielen Computerspielen sei auch die Gemeinschaft ein zentraler Spielanreiz. Vor allem wenn man sich auch im echten Leben trifft. "Man kann gemeinsam Rätsel lösen und etwas erleben. Diese Communitys füllen den Platz aus, den früher die Großfamilie innehatte", sagt Rainer.

Wie aktiv diese Gemeinschaft ist, zeigt sich, als Crazysoldier versucht, das Portal am Erzherzog-Johann-Brunnen einzunehmen. Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Er ist fast am Ziel, als er merkt, dass jemand die Verteidigungsanlagen wieder aufrüstet. Er blickt auf und sucht. Wo ist der Gegner? Mitten am Hauptplatz steht er. "Hias" ist sein Agentenname, im echten Leben heißt er Matthias Riedl und studiert in Kufstein. Jedes Mal, wenn er in Graz ist, spielt er: "In Kufstein ist nicht viel los. Hier in Graz kann man ordentlich spielen." Begleitet wird er dabei von seiner Lebensgefährtin, welche die Zeit nutzt, um in den Läden in der Innenstadt zu stöbern.

Lokale Geschäfte dürften auch der wahre Grund sein, warum Google dieses Spiel gratis anbiete, erklärt der Technikexperte Kittl. "Googles Haupteinnahmequelle war immer Werbung und die Möglichkeit, eine gewisse Anzahl an Menschen mithilfe eines virtuellen Gegenstandes auf einen Platz oder vor einen Laden zu locken, ist ein mächtiges Marketingtool." Noch hat der Internetkonzern noch nicht versucht, Geld mit Ingress zu verdienen - zumal die Software noch im Teststadium ist. Aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, sind sich "Crazysoldier" und "TheDroid" einig. Neben Werbetreibenden kennt Kittl weitere Organisationen, die für die Bewegungsdaten Geld zahlen würden: "Für Geheimdienste ist das eine Goldgrube. Spieler geben nicht nur ihre Positionen bekannt, sondern geben durch die Entscheidung für eine Seite auch einen Teil ihrer Persönlichkeit preis. Bei Anschlägen oder Verbrechen kann man diese Daten auswerten". So könnten die Game-Agenten von Ingress ganz ohne ihr Wissen zu wirklichen Agenten werden.

"TheDroid" und "Crazysoldier" drehen ihre Smartphones ab. Vor Spionage fürchten sie sich allerdings nicht. Die Finger sind einfach zu kalt, um weiterzuspielen.

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