Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal
140.000 Menschen wurden während des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet der heutigen Steiermark zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die ersten sowjetischen Zwangsarbeiter kamen vor 70 Jahren.

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Die Jüngsten von ihnen waren erst 14 oder 15 Jahre alt. Sie wurden zusammengetrieben und in einen Zug gesetzt, von den Eltern getrennt und - ohne das Land oder die Sprache zu kennen - zur Zwangsarbeit in die Südmark verbracht", sagt Dieter Bacher vom Ludwig Boltzmann- Institut für Kriegsfolgenforschung.
Ende des Jahres 1941 kamen die ersten sowjetischen Zwangsarbeiter in die Südmark, dem heutigen Gebiet Kärntens, Osttirols, der Steiermark (mit Ausnahme des Ausseerlandes) und des südlichen Burgenlands. "Die meisten der rund 140.000 Zwangsarbeiter kamen aus Polen, aus dem ehemaligen Jugoslawien und etwa 10 Prozent aus Italien", sagt Stefan Karner, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. Sie wurden hauptsächlich in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie beispielsweise bei der Böhler-AG, die Teil der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie war, und im Straßenbau eingesetzt.
So wurde etwa die Umfahrungsstraße Eisenerz von Zwangsarbeitern gebaut. "Die Arbeiter waren nahe der Baustelle in einem Barackenlager untergebracht, das unter strenger Aufsicht stand und von Angehörigen der Schutzpolizei beaufsichtigt wurde", erklärt Bacher. Mindestens 54 Stunden pro Woche mussten meist ungelernte Arbeitskräfte, teilweise höheren Alters, die schwere körperliche Arbeit bei schlechter Ernährungs- und Unterkunftssituation leisten.
Behandlung unterschiedlich
Die Behandlung von Zwangsarbeitern war unterschiedlich und an bestimmte Vorschriften gebunden. "Man muss beachten, dass es besonders starke Differenzierungen zwischen den Vorschriften und der praktischen Handhabung gab. Ein Ostarbeiter musste separat von der Familie untergebracht werden, durfte nicht gemeinsam mit ihr am Tisch sitzen und sollte so wenig wie möglich Kontakt zu anderen ausländischen Arbeitern haben", sagt Bacher. In der Landwirtschaft habe das jedoch oft anders ausgesehen: Hier wurden Zwangsarbeiter auch ins Familienleben integriert und gingen gemeinsam zur Kirche.
Wie aktuelle Forschungen des Instituts, gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich, zeigen, entschieden sich viele aufgrund der entstandenen sozialen Bindungen und einer besseren Zukunftsperspektive dazu, auch nach Kriegsende hier zu bleiben. Im Verhältnis zu den heutigen Bundesländern ist die Steiermark jenes, in dem die meisten Zwangsarbeiter geblieben sind. Manche arbeiteten bis über den Staatsvertrag hinaus am selben Hof als Landarbeiter. In der Industrie hingegen wurden die Vorschriften wesentlich genauer befolgt, wodurch die Bindung an den Arbeitgeber schwächer war und prozentuell weniger Zwangsarbeiter blieben.
"Nach Kriegsende waren vor allem Arbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion von Zwangsrepatriierungen, der Zwangszurückführung in die Heimat, betroffen. Die sowjetische Besatzungsmacht hat intensiv geschaut, dass die Leute wieder in ihre Heimat zurückkehren, weil sie auch dort als Arbeitskraft gebraucht wurden", verdeutlicht Bacher. In deren Herkunftsländern wurde allerdings argumentiert, dass sie den Feinden geholfen hätten, weiter Krieg zu führen. "Deshalb wurden diese Arbeitskräfte in der Sowjetunion praktisch als Verräter bezeichnet", so Bacher.
Opfer zweier Diktaturen
Der Moskauer Historiker Pavel Poljan hat das treffend formuliert: Sie waren Opfer zweier Diktaturen. "Und das waren sie auch: Zuerst sind sie in die Mühlen des Dritten Reiches geraten und dann wegen der Zwangsrepatriierungen in die Mühlen der Sowjetunion", unterstreicht Karner.
Vor 70 Jahren wurden die ersten der rund 140.000 Zwangsarbeiter in die Südmark gebracht. Sie sind oftmals vergessene Opfer des Zweiten Weltkrieges. Doch man darf nie vergessen, dass sich hinter jeder Zahl Einzelschicksale verbergen und diese bis heute an den psychischen und physischen Folgen leiden.







