Planai-Boss im InterviewGipfelstürmer auf dem schmalen Grat: Georg Bliem wird 60

Zum 60. Geburtstag freut sich Planai-Boss Georg Bliem über eine weitere Rekordbilanz. Bei allem Grund zum Jubeln weiß er um den heiklen Balance-Akt zwischen Massentourismus und Natur.

Georg Bliem: „Früher hat es gereicht, dem Gast am Schlepplift den Bügel unter den Hintern reinzuschmeißen. Heute musst du schon am Parkplatz Auskunft über Wetter und Attraktionen geben können“ © Juergen Fuchs
 

Sie feiern nächste Woche Ihren 60. Geburtstag. Taugt die Saisonbilanz als Geburtstagsgeschenk?

GEORG BLIEM: Ja. Seit 2012 haben wir ein Umsatzwachstum von 40 Prozent, in diesem Winter landen wir bei plus acht Prozent. Das Schöne ist, dass das Wachstum über alle Sparten hinweg passiert, von den Seilbahnen über die Busse bis hin zu Mautern, wo wir ja jetzt 300 Tiere in der Buchhaltung haben.

Und unterm Strich? Muss der Einsatz nicht immer höher werden, um den Umsatz zu halten?

Stimmt – weil die Gäste mehr fordern. Als Ausflugsziel brauchst du stets Neues, musst überraschen. Wenn jedes Jahr die gleichen Skulpturen in der Eishöhle am Dachstein stehen, kommt der Gast nicht mehr. Das alles fordert auch unsere Mitarbeiter. Früher hat es gereicht, beim Schlepper den Bügel unter den Hintern reinzuschmeißen. Heute musst du am Parkplatz exakte Auskunft über Wetter und Attraktionen geben.

Wie sind die Zahlen konkret?

Die Planai-Gruppe bringt bereits zwei Millionen Gäste in die Region. Völlig überrumpelt beim Wachstum hat uns der Sommer. Hatten wir vor fünf Jahren 3000 Tagesgäste, sind es heute an schönen Sommertagen bis zu 12.000. Aber auch die Unkenrufe jeden Herbst, dass Skifahren aus der Mode sei, können unsere Zahlen klar widerlegen.

Seit 2014 leitet Bliem auch den Wilden Berg in Mautern Foto © Jürgen Fuchs

Trotz hoher Liftkartenpreise?

Dass Skifahren ein Reichensport sein soll, wie oft behauptet wird, dagegen verwahren wir uns massiv. Im Übrigen bieten wir eine hohe Zahl an Vergünstigungen, vor allem für Familien. Das hat uns schon Kritik von kleineren Skigebieten eingebracht, wir würden sie unterminieren, weil wir mit Aktionen billigere Karten anbieten als sie.

Wie groß ist die Gefahr, dass mit Wegbrechen kleiner Skigebiete auch ihr Nachwuchs wegbricht?

Es tut weh, wenn ein Skigebiet aufhört, aus welchen Gründen auch immer. Unsere Devise muss „Halten! Halten! Halten!“ lauten. Daher helfen wir kleinen Skigebieten auch bei Beschneiung und Technik, ohne das groß rauszuposaunen.

Stirbt der heimische Gast aus? Auf Parkplatz oder Piste hat man mitunter den Eindruck, der Österreicher sei in der Minderheit.

Der heimische Gast ist und bleibt unser Fundament, das auch mitgewachsen ist. Der Anteil liegt bei 38 Prozent, viel höher als in Skiorten im Westen. Derzeit sind wir bei den Tschechen und Slowaken Marktführer, Benelux und Skandinavien entwickeln sich stark. Schladming ist international Thema. Aber es gibt auch schwächelnde Märkte. Wo wir Gas geben müssen, ist der britische Markt.

ALPINE SKIING - FIS WC Schladming
Seit seiner Zeit als Steiermark-Tourismus-Boss ist Georg Bliem mit Starkoch Johann Lafer befreundet Foto © GEPA pictures

Sie waren zuletzt viel unterwegs. Wie steht die Region im internationalen Vergleich da?

Wir waren in den vergangenen Jahren als Skidestination stark auf der Überholspur – das war ein Erfolg der ganzen Region. Als Seilbahner ist man kein Alleinunterhalter. Aber in Tirol, Salzburg, Frankreich und auch in China wird gerade gewaltig investiert. Das muss ich im Ennstal immer wieder erklären, warum wir nicht vom Gas runter dürfen. Wir investieren in den nächsten zwei Jahren 40 Millionen Euro in Seilbahn-Infrastruktur. Das müssen wir, es kommen in der Region ja auch laufend weitere Gästebetten hinzu.

Wenn Kapazitäten ausgebaut werden: Wann ist der Berg voll?

Die Wartezeiten bei der Gondel waren schon zu lang. Mit der neuen Planai-Seilbahn bringen wir fast 4000 Skigäste pro Stunde auf den Berg. Aber wichtig ist, da oben keinen Flaschenhals zu haben. Man kann zu fünf verschiedenen Liften wegfahren. Das wird sich gut verteilen.

Zur Person

Georg Bliem, geboren am 22. 4. 1958, maturierte 1978 an der Tourismusschule Klessheim.

Vor der 1. Ski-WM in Schladming 1982 wurde er mit 24 Jahren Leiter der Tourismusregion Dachstein-Tauern. Von 2003 bis 2013 war er Chef von Steiermark Tourismus. Seit 2012 (kurz vor der 2. Ski-WM in Schladming) ist Bliem Chef der Planaibahnen.

Seine Frau und seine Tochter führen das „Bliems Familienhotel“ in Haus im Ennstal.

Ist der Plafonds nicht irgendwann erreicht, auch für die Natur?

Man muss höllisch aufpassen. Ich habe den warnenden Finger oben. Sicher können wir uns auf die Schulter klopfen, wenn immer mehr Gäste zu uns wollen. Aber wichtig ist, dass eine Verträglichkeit mit der Natur und den Einwohnern gegeben ist. Deshalb stellen wir keine Blechhütten als Gondelgaragen hin, sondern bauen sie unterirdisch. Und wir bleiben in den Kernzonen der vier Berge und weiten die touristische Nutzung nicht weiter in die Tauern hinein aus.

Die Gletscher schmelzen dahin. Am Dachstein wurde zuletzt viel ausgebaut. Eine Gratwanderung.

Wir haben uns hier selbst auf 2500 Gäste pro Tag beschränkt durch ein Reservierungssystem, obwohl oft 3500 hinaufwollen. Auch lassen wir das Gletscher-Skigebiet heuer von Mai bis September geschlossen, trotz sieben Meter Schneeauflage. Da wollen wir schauen, wie gut es ihm tut. Im restlichen Bereich haben wir klar festgelegt, wo wir am Gletscher Gäste haben wollen und wo nicht.

Der Sommer wird für Sie, wie Sie sagten, immer wichtiger. Bleibt auf der Planai jetzt überhaupt Zeit zum Verschnaufen?

Wir hatten heuer das Glück, dass wir bis zum letzten Skitag volles Haus hatten. Aber jetzt ist mein Team schon dabei, am Gipfel die Wege zum Hopsi-Kinderland freizuschaufeln. Schneepflüge im Mai, das klingt ja teilweise schon verrückt.

Naturerlebnis künstlich für alle Saisonen erzwingen: Ist man da nicht nahe an der „Piefke-Saga“?

Ich sage das eh provozierend. Vor sechs Jahren hat vor Juli keiner daran gedacht aufzusperren. Aber jetzt will der Gast Mitte Mai auf den Berg – er fordert das ein. Die tolle Sommer-Entwicklung bedeutet für uns auch, dass wir von unseren 415 Mitarbeitern schon 230 das ganze Jahr beschäftigen können.

Gästemassen, steigende Grundstücks- und Wohnungspreise, ein Großteil der Jobs im Tourismus mit Saisonniers aus dem Ausland. Besteht die Gefahr, dass Schladming ein Potemkinscher Touristenort wird?

In Schladming sehe ich diese Gefahr so nicht. Aber ich und auch Bürgermeister Jürgen Winter reden sehr viel mit den Jungen und nehmen ihre Bedenken ernst. Weil natürlich viele, die nicht in den Tourismus wollen, wegziehen und nicht mehr wiederkommen.

Nachdem die Olympia-Bewerbung von Graz und Schladming nun amtlich ist: Wie ordnen Sie diese Vision und die Chancen ein?

Die Chancen stehen verdammt gut, dessen sind sich viele nicht bewusst. Olympia finde ich gut, es wäre prägend für das Land. Für uns als Liftbetreiber sehe ich kein Problem. Wir schalten den Lift ein und lassen sie runterfahren. Wir sind Zigtausende Zuschauer bei Skirennen ja gewöhnt. Was aber nicht passieren darf, ist, dass wir die Spiele bekommen und dann der Katzenjammer ausbricht.

Olympia 2026: Sind Sie da noch Planai-Chef oder haben Sie schon konkrete Pensionspläne?

Mein Vertrag wurde gerade um fünf Jahre verlängert und da gibt es noch eine Menge Projekte abzuarbeiten. Was danach ist, lasse ich bewusst offen. Jetzt bin ich 60 und laufe einen Halbmarathon noch unter zwei Stunden. Aber wenn ich den ganzen Tag zu Hause wäre, hätten viele ein Problem mit mir (lacht). Ich kann ja nicht den ganzen Tag nur auf die Berge radeln.

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass zu diesem Artikel keine Kommentare erstellt werden können.

Forenregeln lesen