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Zuletzt aktualisiert: 29.05.2012 um 20:30 UhrKommentare

"Leichtfüßig über das Hindernis der Logik"

Der Schriftsteller und Fotograf Gerhard Roth beschäftigt sich seit 35 Jahren mit den Künstlern aus Gugging. Ein neues, opulentes Buch und eine Ausstellung führen in deren faszinierende Welt.

Schriftsteller und Fotograf Gerhard Roth

Foto © GEPASchriftsteller und Fotograf Gerhard Roth

Herr Roth, wann hörten Sie erstmals von den Werken sogenannter Geisteskranker?

GERHARD ROTH: Ich war 17 oder 18, und mein Vater, der Arzt war, brachte mir die Zeitschrift einer Medikamentenfirma, in der Bilder geisteskranker Künstler enthalten waren und dazu jeweils kurze Krankengeschichten. Ich war betroffen und zugleich fasziniert von dem Blick in eine andere Welt. Als ich an der Grazer Universität Medizin studierte, fiel mir das legendäre Buch von Hans Prinzhorn in die Hände: "Bildnerei der Geisteskranken".

Sie fuhren 1976 nach Gugging. Was war der unmittelbare Anlass für diese Spurensuche?

ROTH: Nach der Lektüre der beiden Bücher "Schizophrenie und Sprache" und "Schizophrenie und Kunst" von Leo Navratil, der Gugging leitete, hatte ich den Wunsch, ihn, die Künstler-Patienten und ihre Lebensumstände kennen zu lernen.

Sie unterstützten mit anderen Künstlern Leo Navratil?

ROTH: Navratil wurde von Künstlern wie Friedrich Mayröcker, Ernst Jandl, Arnulf Rainer, Peter Pongratz, Franz Ringel, Gert Jonke oder André Heller geschätzt. Er zeigte, wie originell, großartig und inspirierend die Werke von künstlerisch begabten Patienten sind. Und er half mit, sichtbar zu machen, wie reich die Welt in den Köpfen der sogenannten Geisteskranken ist, die 25, 30 Jahre vorher - auch in Gugging - als sogenanntes "lebensunwertes Leben" von den Nazis umgebracht worden waren. Was lange nicht verstanden wurde, ist der Umstand, dass natürlich nicht jeder Geisteskranke ein Künstler ist, und dass es einen Unterschied gibt zwischen Maltherapie und Malen.

"Intelligenzquotient und Bildungsniveau soll man im Zusammenhang mit der künstlerischen Kreativität sowieso vergessen", urteilte Arnulf Rainer.

ROTH: Das hat besonders die akademischen Maler geärgert, dass man Kunst ohne Studium machen kann. Sie lehnten es ab, dass vor allem das Werk in seiner Einzigartigkeit zählt, und kannten zumeist nicht einmal das, wovon die Rede war. Und natürlich die rechten Spießer, in deren Köpfen noch die Phrasen Hitlers über die "Entartete Kunst" spukten.

Welche Rolle spielt die psychische Krankheit der Künstler? Was unterscheidet sie schöpferisch von den gesunden Künstlern?

ROTH: Ich versuche das mit einer Metapher zu erklären: Bei den sogenannten Gesunden könnte man sich das Bewusste und das Unbewusste durch eine durchlässige Membran getrennt vorstellen, wodurch es quasi zu einem osmotischen Austausch zwischen den beiden Bereichen kommen kann. Bei den Künstler-Patienten müsste man sich diese Membran beschädigt oder zerstört vorstellen, weshalb das Unbewusste das Bewusstsein überschwemmen kann.

"Gedanken-Bilder, die das Hindernis der Logik leichtfüßig überspringen", nennen Sie das.

ROTH: Wir werden ununterbrochen dazu erzogen, logisch zu denken. Es muss alles erklärbar sein, begründbar. Die Art-Brut-Künstler handeln nach einer inneren, intuitiven Logik, das macht für sie die Bewältigung des Alltags schwerer oder sogar unmöglich - andererseits kann das für ihre Kunst von Vorteil sein.

Welcher Gugginger hinterließ bei Ihnen den größten Eindruck?

ROTH: Menschlich waren mir Ernst Herbeck und Oswald Tschirtner am nächsten. Künstlerisch kamen Johann Hauser und August Walla dazu und Johann Fischer, der bei Weitem unterschätzt ist. Aber Walla war vielleicht der Beeindruckendste, der "Gigant" unter ihnen.

Waren es die Wortbilder von August Walla, die Sie für den Künstler besonders einnahmen?

ROTH: Walla hat ein ganzes Universum erfunden mit eigenen Göttern, Engeln, Dämonen und Teufeln. Er erfand neue Wesen mit seltsamen Lebensläufen und stellte dieses Welt-All besonders eindrucksvoll in seinem Zimmer dar, das er vom Fußboden weg über die Decke an allen vier Wänden darstellte. Ich habe nie Außergewöhnlicheres gesehen.

Ein Foto von Ihnen im August-Walla-Zimmer, diesem eigenen Kosmos aus Kürzeln, Symbolen, Mustern und Göttern, wurde für eine Sammelausgabe Ihres Zyklus "Orkus" ausgewählt?

ROTH: Das war mein Wunsch. Walla kann man am ehesten mit dem wunderbaren Schweizer Adolf Wölfli vergleichen, der monströse Reisebücher schrieb und mit seinen Zeichnungen illustrierte, die den Leser bis zu anderen Galaxien und an die Ränder des Universums führen.

Was denken Sie, wenn Sie jetzt nach Gugging kommen?

ROTH: Der Nachfolger Leo Navratils, Johann Feilacher, hat das Projekt Gugging neu überdacht, weiter entwickelt und neue Künstler entdeckt. Ich denke, wie nahe Genie und Wahnsinn auch in der Wirklichkeit beisammen liegen.

Das Interview entstammt in Auszügen dem Buch "Irrgarten der Liebe" und wurde von Helena Wallner geführt, der Leiterin des Greith-Hauses und früheren Redakteurin der Kleinen Zeitung.


Fakten

Gerhard Roth. Im Irrgarten der Bilder. Residenz, 360 Seiten, 39,90 Euro.

Ausstellungen: Im Irrgarten der Bilder. Greith-Haus, St. Ulrich im Greith. Eröffnung: 1. Juni, 20 Uhr. Ausstellung bis 5. August. greith-haus.at August Walla. Bis 28. Oktober. Museum Gugging. gugging.at

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