Stimmige Balanceakte und Spiegelungen
Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation: steirische Ausstellungen führen auf vielen Wegen zur Kunst. Zu erleben sind überzeugende Soli, aber auch höchst spannende Dialoge.

Foto © Raiffeisenhof25 Jahre betreute Renate Maak das Internationale Textilkunst Symposion in Graz, in einer Personale zum 75. Geburtstag inszeniert die Künstlerin ein heiteres Badehauben-Ballett
Raiffeisenhof.
GRAZ. Ein Vierteljahrhundert lang, von 11984 bis 2009, leitete Renate Maak das Grazer Internationale Textilkunst Symposion. Als bemerkenswerte Plattform für eine nicht immer leicht einschätzbare Abteilung der bildenden Kunst. Als Forum für einen Balanceakt zwischen dekorativem Handwerk und innovativer Formfindung, für Kunst mit und in einem heiklen Material.
Mit "new textile point of view" gestaltet Maak, 75, nun im Kunstbad des Raiffeisenhofs eine doppelt gelungene Personale. Einerseits überzeugt die in Stralsund Geborene, seit 1982 in Graz Wirkende (eineinhalb Jahrzehnte an der Ortweinschule) mit einer an sich originellen Installation. Andererseits bespielt Maak das Bad der Erwachsenenbildungseinrichtung erstmals wirklich überzeugend.
Hauptmaterial sind 160 Badehauben, welche die Künstlerin solo (in den Duschen) und in farblich differenzierten Gruppen (über dem leeren, teils mit Spiegelfolie ausgelegten Schwimmbecken) arrangiert. Badehauben, die so sparsamen wie markanten Eingriffen unterzogen sind. Das unterschiedlich bearbeitete "Textil" sind diesfalls dünnere und dickere Kupferdrähte.
Maaks Arbeit, ein heiteres Haubenballett, beweist Sinn für Farbe und Raum, ist also im besten Sinn "site specific". Und sie hat Humor.
Greith-Haus
ST. ULRICH. Frida Kahlo heißt derzeit Peter Sengls größte Inspirationsquelle. 2010 und im laufenden Jahr schuf der Maler eine ganze Serie von Mischtechnikbildern, die ihrerseits berühmte Gemälde der mexikanischen Kultkünstlerin zitieren, variieren. Die Frau mit den unverkennbar kräftigen Augenbrauen in eine andere Welt versetzen - ins Sengl-Universum.
Die Kahlo-Kompositionen zählen zu den aktuellsten Exponaten einer retrospektiv angelegten Ausstellung, die der Pauser-Schüler als "Grenzgang" (Ausstellungstitel) in seiner Heimat absolviert. Bis an den Anfang der 1970er-Jahre spannt sich der Bogen zurück. In jene Zeit, in welcher der 1945 in Unterbergla Geborene seine erste Einzelausstellung 1971 im (wo sonst?) Grazer Forum Stadtpark absolvierte. Und mit seinen Werken erstmals Furore machte. Als einer von etlichen Künstlern seiner Generation, die konstruktivistischer, abstrakter Strenge, aber auch den Bilderwelten der Phantastischen Realisten mit frischer Lust am Fabulieren die kreative Stirn boten. Darunter Wolfgang Herzig, Peter Pongratz, Franz Ringel, Robert Zeppel-Sperl. Eine starke Steirer-Fraktion.
"Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang", wird im Katalog zur Schau aus Rilkes erster Duineser Elegie zitiert. In der Tat ist Sengls Kunst ein Grenzgang zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen. Die Ästhetik der Oberflächen täuscht (darin ist Sengl Kahlo verwandt). Prächtige Farben und elegante Formen zeigen dem näheren Blick erhebliche Abgründe.
Gironcoli Museum.
HERBERSTEIN. Zusammenhänge lassen sich viele finden. Einen Verbindungsstrang der ausgestellten Arbeiten benennt Martin Prinzhorn in einem Text als "unheimliche Seite der Moderne". Ein anderer Zusammenhang zwischen den Skulpturen von Bruno Gironcoli, den Gemälden Kurt Kocherscheidts und den Fotografien Elfie Semotans ist vordergründiger, nämlich biografisch. Semotan schuf in den 1990er-Jahren in Gironcolis Atelier eine Serie von Polaroids, Kocherscheidt war mit Semotan verheiratet.
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Foto vergrößernDurchblicke: Skulptur von Bruno Gironcoli, dahinter Polaroid von Elfie Semotan, entstanden in Gironcolis Studio Foto © TITZ
Durchblicke: Skulptur von Bruno Gironcoli, dahinter Polaroid von Elfie Semotan, entstanden in Gironcolis Studio Grafik © TITZ
Dialoge zwischen Bildhauerei, Malerei und Fotografie gibt es jedenfalls genug, um die Ausstellung eine spannende zu nennen. Die Verflechtung der Exponate auf manchmal sehr engem Raum ermöglicht immer wieder überraschende Durchblicke. Das Nebeneinander wird zum Miteinander, in dem sich das eine Werk im anderen (auch im Wortsinn) spiegelt.
Semotans stimmungsvolle Vergrößerungen der Sofortbildnegative rücken Details aus der visionären Welt Gironcolis ins Zentrum, richten den Fokus auf Einzelteile. Im Zusammenspiel mit den monumentalen Schöpfungen des Bildhauers schärfen sie den Blick. Für die Feinheiten und Schattierungen in Skulptur - und Fotografie.
Kocherscheidts wuchtige Malereien aus den 1980er- und 1990er-Jahren (der Maler starb 1992, im Jahr seiner documenta-Teilnahme) sind Anschauungsmaterial für Reflexionen zu Fläche und Raum. Der Künstler, der auch Holzskulpturen schuf, setzt im Farbauftrag immer wieder auf den Kontrast von Transparenz und Masse.
Dritter im Ausstellungsbund ist Bernhard Fuchs. Der österreichische Fotograf, ausgebildet bei Bernd Becher in Düsseldorf und Timm Rautert in Leipzig, zeigt Arbeiten aus seinem Zyklus "Straßen und Wege". Sie knüpfen in ihrem subtilen Blick auf ganz "normale" Wirklichkeit an früherer Serien an. Etwa jene Bilder von Autos, die der 40-Jährige 2005 in der Grazer Galerie CC zeigte. Deren Leiter, Nikolaus Breisach, seit geraumer Zeit das Ausstellungsprogramm des Gironcoli Museums betreut. Nächster Gast: Erwin Wurm.








