Brennnesseln als Rohstoff für Öko-Mode
Die alte Tradition der Fasergewinnung aus Brennnesseln soll in Stainz wiederbelebt werden. Das erste Versuchsfeld wird demnächst geerntet, bis zum Stoff ist es aber ein weiter Weg.

Foto © PrivatDie Fasernessel-Stecklinge
Sie hält, was ihr Name verspricht: Dementsprechend zählt die Brennnessel nicht unbedingt zu den beliebtesten Pflanzen. Ein gemeinsames Pilotprojekt der Lebenswerkstätten Stainz und der örtlichen Landwirtschaftlichen Fachschule könnte ihre Popularität aber erheblich steigern. Die Brennnessel soll nämlich als Rohstoff für die Erzeugung von Textilien eingesetzt werden.
"Die Idee ist nicht neu. Bei uns wurde die Brennnessel zuletzt vor und während des Zweiten Weltkriegs, als Baumwolle knapp war, verstärkt zur Stofferzeugung genutzt", erklärt Projektleiter Joachim Gründler von den Lebenswerkstätten Stainz. Mit dem zunehmenden Wohlstand sei das "Leinen der armen Leute" aber immer mehr in Vergessenheit geraten. "Wir wollen dieses Know-how wiederbeleben, bevor es verloren geht. Es geht nicht um Massenproduktion, sondern um die Schaffung einer nachhaltigen, regionalen Alternative", meint Gründl, im Brotberuf Energiemanager der Energieregion Schilcherland.
Die gewöhnliche Brennnessel ist dafür aber nur bedingt geeignet. Stattdessen kommen spezielle Fasernesseln mit einem bis zu fünfmal so hohen Faseranteil zum Einsatz. Die Faser wird übrigens nur aus den Stängeln gewonnen. "Die Stecklinge sind eine spezielle Züchtung aus Deutschland, bei der Frühaufzucht war uns die Gärtnerei Haas aus Lannach behilflich, für die Kultivierung am Feld ist die Landwirtschaftliche Fachschule Stainz zuständig", erläutert Gründler.
Für die Schüler ist das Brennnesselprojekt Teil des praktischen Unterrichts. Im Frühjahr wurden die Stecklinge auf einer Versuchsfläche von 0,1 Hektar eingesetzt. Läuft alles nach Plan, können die ausgewachsenen Pflanzen im September geschnitten werden. "Für uns ist das absolutes Neuland. Ich sehe es aber als Aufgabe unserer Schule, sich an solchen Versuchen zu beteiligen", so Direktor Johannes Schantl.
Aufwendige Gewinnung
Bis zum Hemd oder der Hose aus Brennesselfaser ist es aber noch ein weiter Weg. Nach dem Schnitt muss die Pflanze getrocknet werden, erst dann kann die Faser in einem aufwendigen Verfahren gebrochen werden. "Wir wissen selbst noch nicht genau, ob uns das gelingt", ist Gründler gespannt. Sollte die gewonnene Faser tatsächlich brauchbar sein, kommt sie zur Weiterverarbeitung in eine kleine Weberei in Bad Gams.
Gründler denkt indes schon einen Schritt weiter: "Die Brennnessel ist sehr vielseitig. Vom Verheizen über die Tee- und Pflanzenschutzmittelerzeugung bis hin zur Gewinnung als Biofarbstoff ist vieles möglich."
Features
DAS LEINEN FÜR ARME
Die Brennnessel wurde schon vor Jahrhunderten als Stofflieferant genutzt.
Sie wurde aber zunehmend durch Baumwolle und Leinen verdrängt.
Spezielle Züchtungen haben einen bis zu fünfmal höheren Faseranteil als gewöhnliche Brennnesseln.
Brennnesselstoff ist weich und glänzt ähnlich wie Seide. Er ist strapazierfähig und nimmt Feuchtigkeit gut auf.








