Mängel jahrelang ignoriert
Einer Abrechnung gleicht der Bericht der Pflegeombudsfrau zur Sonderkrankenanstalt Schwanberg. Tenor: Die Mängel dort sind seit vielen Jahren bekannt, wurden aber ignoriert.

Foto © APADie Kritik an der Krankenanstalt Schwanberg reicht bis 1996 zurück
Besonnen, wie sie ist, wiegt Renate Skledars brisanter Bericht über die Miss- und Umstände in der Sonderkrankenanstalt Schwanberg doppelt schwer. Grimmig listet die Patienten- und Pflegeombudsfrau der Landesregierung auf, wie über mehr als ein Jahrzehnt Mängel systematisch ignoriert oder nur halbherzig behoben worden sind. Ob Personal- und Raumnot oder Betreuungsprobleme: Vieles war den Verantwortlichen längst bekannt. Selbst nach Auffliegen des Pflegeskandals im Herbst 2010 sind bis heute nicht alle Missstände in der Deutschlandsberger Anstalt beseitigt.
Brisant
Der brisante Bericht, den die Landesregenten vor Kurzem erhalten haben, führt viele Probleme in dem Heim für geistig Behinderte/chronisch psychisch Kranke auf zu wenig oder anderweitig besetztes Personal zurück. Ein Kernsatz: "Die notwendige fachärztliche Betreuung wurde jahrelang ignoriert."
CHRONOLOGIE
1996: Erste Vorwürfe. Eine bessere "Wohn-, Lebens- und Betreuungssituation" wird seitens der Patienten- und Pflegeombudsschaft gefordert.
1999: Neuerliche Kritik. Die Ombudsstelle weist auf "unzureichende Förderung und Unterstützung" von Schwanbergs Patienten hin.
2000: Gericht wird aktiv. "Unzulässige Freiheitsbeschränkungen": Bezirksgericht Deutschlandsberg alarmiert die Spitalsgesellschaft Kages.
2001/2002: Konzept, Umbau. Die Kages lässt ein Raumplanungskonzept erstellen und baut da und dort um.
2003: Wieder Kritik. Ombudsstelle kritisiert Mängel bei Betreuung/Personalnot.
2004: Adaptionen. Im Pflegeheim werden Schlafsäle, Wasch- und Aufenthaltsräume angepasst.
2007: Nächste Kritik. Tenor: zu wenig Platz/ Personal.
2010: Pflegeskandal wird publik
Es war 1996, als Skledar erstmals Psychologen und Sozialarbeiter für die Sonderkrankenanstalt gefordert hat. Auch 2003 wurde "die fehlende qualifizierte Betreuung, Therapie und Unterstützung" für Patienten festgestellt. Im Jahr 2007 bot sich ein ähnliches Bild: Laut Pflegeombudsfrau stammten die Mitarbeiter allesamt aus dem Pflegebereich, eine Unterstützung aus anderen Berufsgruppen fehlte jedoch. Laut Anstaltsleitung war sie nicht zu bekommen. Statt dessen hat man "freie Dienstposten diplomierter Fachkräfte . . . mit Pflegehelferinnen besetzt", moniert Skledar. Die Belegschaft war schwer beansprucht und die Zahl der Krankenstände entsprechend hoch.
Unter dem Personalproblem sowie Schwanbergs Strukturen (Heimbetrieb seit 1892, Denkmalschutz und so weiter) mussten freilich die Patienten leiden: Bis zu sechs gleichzeitig hatte ein einziger Pfleger bei der Morgentoilette zu versorgen. Durchschnittlich nur sieben Quadratmeter Lebens- und Wohnraum hatten die Heiminsassen. Manche von ihnen waren zu acht in einem Zimmer untergebracht. Eine Station mit geistig schwer Beeinträchtigten wurde aus Personalmangel und Raumnot wie eine geschlossene Abteilung geführt. Ein Gericht sprach von "unzulässigen Freiheitsbeschränkungen von geistig Behinderten". Und einer Beschäftigung konnte bloß ein Bruchteil der Patienten nachgehen. "Im besten Fall kann hier von einer Warm-satt-sauber-Pflege gesprochen werden", so das Resümee. Spitalsgesellschaft Kages und Land geloben Besserung - Skledar ist gespannt.
Features
Foto

Bild vergrößern"Notwendige fachärztliche Betreuung ist bis heute nicht sichergestellt."Foto © Kanizaj
Oberstaatsanwalt am Zug
Nach der Polizei hat nun die Staatsanwaltschaft Graz ihren Bericht über die angeblichen Missbrauchsfälle in Schwanberg fertiggestellt.
Dieser Vorhabensbericht liegt bei der Oberstaatsanwaltschaft. Ob beziehungsweise wer von den vier Verdächtigen angeklagt wird, dürfte frühestens im Sommer geklärt sein.









