Zwei ehemalige Arbeitslose über ihr Dasein
Zwei Arbeitslose erzählen, was es bedeutet wieder einen Fuß ins Leben zu bekommen. Über die Bewegung im Stillstand.

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Ein Gedanke hat ihn geweckt. "Du bist nichts", hat eine Stimme in Christian Heuegger-Zirms Kopf geflüstert. Das letzte bisschen Selbstvertrauen kollidiert mit den vertrauten Gefilden der eigenen Unsicherheit. Dieser Gedanke kommt ihm oft in der Dämmerzone zwischen Wirklichkeit und Traum. "Die Angst ist ein schlechter Berater", sagt der 39-Jährige und lacht. Nichts ist komischer als die hoffnungslose Lage.
Verlassenes Raumschiff. Er sitzt in seiner verwaisten Wohnung wie in einem verlassenen Raumschiff. Ein ungemein wacher Mensch mit geradezu seismografischer Aufmerksamkeit. In Kürze zieht er aufs Land, die ersten Schachteln sind gepackt. Ein neues Kind, ein neues Leben. Von 1994 bis 1996 war der Trainer, Schauspieler und Coach als arbeitssuchend gemeldet. Zwischen 2006 und 2007 auch. Derzeit ist er in einem Beschäftigungsprojekt. Er hat also genug zu tun. Als künstlerischer Leiter des Projekts "workless power" erarbeitet der 39-Jährige mit Langzeitarbeitslosen Theaterstücke. Isolation schweißt zusammen. Seine schwerste Rolle bis jetzt: der Arbeitslose. Begeistert zeigt er den Projekt-Prospekt. Auf dem Titel in schwarzen Lettern der Satz: "Arbeit ist geil." Arbeitslose seien keine faulen Menschen, sagt Heuegger-Zirm. Es seien die Lebensumstände, die Menschen arbeitslos machen. Sie aus dem System werfen.
Emotionaler Bankrott. Der ehemalige Schauspieler spricht mit den Händen. Er verwendet sie für Punkt und Beistrich. Der 39-Jährige versucht zu verstehen, warum Arbeitslose noch immer ein Feindbild sind. Warum ihnen kollektive Vorurteile umgehängt werden.
Arbeit weg. Faul sollen sie sein? Er versteht's nicht. "Ein Teufelskreis", sagt er. Arbeit weg. Geld weg. Familie weg. Finanzieller Bankrott. Emotionaler Bankrott. "Es ist so schwer wieder einen Fuß ins Leben zu bekommen. Bin ich nichts ohne meine Arbeit? Und dann dieses große Stück Zeit." Ein Wochenende ohne Ende. "Viele denken sich schön, so viel Freizeit. Aber auch ein Wochenende kann zach sein, oder? Vor allem, wenn man nicht weiß wann es endet."
Perspektive. Die 28-jährige Natascha weiß nun endlich, was sie mit ihrem Leben anfangen will. "Ich will Fahrräder reparieren", sagt sie und ihre eisblauen Augen leuchten. An der Wand hängt ihre Postkartensammlung, irgendwo spielt ihr Kater "Burli" mit einem Ball. Ungepflegt sei sie gerade, sagt sie und zupft an sich herum. Aber wenn man den ganzen Tag in der Werkstatt verbringt, hat man abends nicht mehr die Muße sich die Augenbrauen zu zupfen. Natascha arbeitet gerade im "Bicycle" einem Beschäftigungsprojekt für Arbeitslose. Endlich angekommen. Mit 14 Jahren ist sie von zu Hause ausgezogen und seither wie Treibholz durchs Leben geschlingert. Hat Lehren begonnen und abgebrochen, Arbeit gefunden, Arbeit verloren.
Anerkennung. "Mir wird schnell was zu fad. Das ist mein Problem." Natascha ist ehrlich und nicht auf den Mund gefallen. Jetzt hat ihr Leben wieder Struktur. Einen Anker. "Bin ich, was ich arbeite?", fragt sie sich. "Nein, es ist nicht die Arbeit, die der Mensch braucht, sondern die Anerkennung", lautet ihre Antwort. Man hat das Gefühl sie wundert sich selbst, diesen Satz laut gesagt zu haben. Vielleicht ist's doch nicht so leicht? Schulterzucken. "Wahrscheinlich nicht." Aber jetzt ist alles besser. Jetzt ist da ja der Job als Fahrradmechanikerin. "Ich denk' mir: Das hab' ich repariert. Und jetzt funktioniert's wieder. Wie ich."










