Dreh auf dem DachsteinSo überlebte Weitwanderer 19 Tage im ewigen Eis

1985 überlebte der US-Soldat Ken Cichowicz (72) 19 Tage schwer verletzt im ewigen Eis des Dachsteingletschers. Mehr als drei Jahrzehnte später dreht ein Team eine Doku über den Amerikaner.

Dieser Tage drehte Metafilm auf dem Dachstein
Dieser Tage drehte Metafilm auf dem Dachstein © Metafilm
 

"Ich kann nicht mehr länger durchhalten, und jetzt fürchte ich, dass sogar meine sterblichen Überreste hier unentdeckt zurückbleiben. Auf Wiedersehen meine wahre Liebe.“ Auf neun Postkarten, die er in der Region gekauft hatte, führte der verunglückte US-Soldat und Weitwanderer Kenneth Thomas Cichowicz das Protokoll seines Martyriums im ewigen Eis des Dachsteins.

70 Meter abgerutscht

Am 16. Oktober 1985 war er am Hallsteiner Gletscher abgerutscht, 70 Meter über das Eis geschlittert, hatte sich den rechten Fuß, das rechte Handgelenk und mehrere Rippen gebrochen. In einer Gletscherspalte blieb er liegen und kämpfte die folgenden 19 Tage ums Überleben. Bis ihn in letzter Minute der Flugretter Andreas Staudacher vom Helikopter aus sichtete: „Sein Zelt stand im unteren Drittel des Hallstätter Gletschers, in einer Mulde, fünf, sechs Meter in einer Spalte.“

Mit Bergesack nach Schladming geflogen

Dieser Tage schilderte Oberst Staudacher, Kommandant des Fliegerhorstes in Aigen im Ennstal, für ein TV-Team von Metafilm noch einmal detailliert die dramatischen Ereignisse des 4. November 1985: „Ich bin zu ihm hinuntergestiegen und hab’ ihn im Zelt gefunden – ansprechbar, aber verwirrt, bis auf die Knochen abgemagert. Wir haben ihn im Bergesack am Seil geborgen und ins Spital nach Schladming gebracht.“

Mit Taxi zum Dachstein

Regisseur Fritz Kalteis von Metafilm zeichnet das „Wunder vom Dachstein“ in einer 90-minütigen Spielfilm-Doku nach. Er hat den 72-jährigen Ken Cichowicz in seiner Heimat in Pennsylvania besucht. Im Sommer war dessen Sohn Casey in der Steiermark, um sich für die Doku auf die Spuren des Vaters zu begeben. „Eigentlich war Ken ja auf einer Weitwanderung im Steinernen Meer unterwegs und wollte von Westen Richtung Dachstein. Als das Wetter drehte, stieg er in Maria Alm ab, ließ sich von Gustav Herzog mit dem Taxi in die Ramsau zur Seilbahn bringen und fuhr mit der Gondel auf den Dachstein“, erzählt Kalteis: „Er ist sonst nie mit einer Seilbahn aufgefahren ist, weil er beim Aufstieg immer ein Gefühl für den Berg bekommen wollte.“

 

Das Wunder vom Dachstein: Am Schauplatz des Bergdramas

1985 war Ken Cichowicz 19 frostige Tage im ewigen Eis des Dachsteins verschollen. Oberst Andreas Staudacher fand und rettete ihn schließlich. Sein Sohn Casey war für den Filmdreh für "Das Wunder vom Dachstein" in der Steiermark und traf auch ihn.

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Casey war für die Kamera auf den Spuren seines Vaters. Hier auf dem Jenner - Königssee.

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Staudacher entdeckte Caseys Vater vom Hubschrauber aus, heute ist der Oberst Kommandant der Fliegerwerft in Aigen/Ennstal.

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Casey am "Dirndl".

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Der Sohn des einst Vermissten war von der Gletscherlandschaft beeindruckt.

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Das Wetter war für seine Drehtage prächtig, diese Woche hatte das Filmteam durchwachsene Bedingungen.

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Auch Drohnen kamen zum Einsatz.

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Der Taxifahrer Gustav Herzog (im Bild mit seiner Frau maria) gab 1985 den entscheidenden Tipp, dass Ken auf dem Dachstein verschollen sein könnte.

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Casey traf auch Peter Reitmann. Der Hüttenwirt war der Letzte, der dessen Vater vor dem Unglück gesehen hatte.

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Gemeinsam waren die beiden auf Spurensuche in der Gegend rund um den Hallstätter Gletscher.

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"Geh nicht zum Gosau-Gletscher" hatte der Hüttenwirt damals gewarnt. Doch dann kam es auf der Route über die Simonyhütte zum Unfall.

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In einem Zelt überdauerte Ken die 19 Tage im ewigen Eis. Schauspieler Philip Kelz spielte die dramatischen Szenen für die Spielfilmdoku nun nach.

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Gegen Ende verabschiedete sich der verzweifelte und auch schon verwirrte Amerikaner in seinem Tagebuch von Frau und Sohn.

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Regisseur Fritz Kalteis (rechts) mit seinem Mimen Kelz an der Drehlocation.

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Väterchen Frost - auch Schauspieler Kelz musste wetterfest sein.

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Hütternweit Reitmann

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Der damals Verschollene ist heute 72 Jahre alt, lebt in Pennsylvania und ist immer noch begeisterte Mountainbiker und Outdoorsportler.

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Oberst Andreas Staudacher erinnerte sich für den Filmdreh noch einmal genau an das Drama.

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Route über Simonyhütte

Oben angekommen plante er, die Route über Adamekhütte zum Gosaugletscher zu gehen, doch der damalige Wirt der Seethaler Hütte, Peter Reitmann, riet ab. Da gebe es zu viele Spalten, das sei einfach zu gefährlich. Er solle Richtung Simony-Hütte gehen. Doch dürfte der Amerikaner vom Weg abgekommen und abgestürzt sein. Kalteis: „Der Wahnsinn war, dass er nur unweit der Langlaufloipe und des Wanderwegs lag, wo eigentlich viel Betrieb ist, ihn aber niemand schreien gehört oder gesehen hat.“

Erst nach fünf Tagen vermisst

In der Ära vor Handys dauerte es Tage, bis das Mitglied der US-Army vermisst wurde. Erst als er nicht – wie vereinbart – am 23. Oktober heim ins deutsche Heidelberg zu seiner Frau kam, schlug diese Alarm. Keiner hätte den Verschollenen am Dachstein vermutet. Erst als sich nach Vermisstenmeldungen in der Zeitung Taxifahrer Gustav Herzog erinnerte, einen Amerikaner zur Dachstein-Gondel gebracht zu haben, gab es die heiße Spur ins ewige Eis.

Protokoll der Verzweiflung

Die Postkarten aus der Region in seinem Rucksack sollten dem verschollenen als Tagebuch dienen. Hier sind die Einträge:

3. Tag (19. Oktober 1985): „Noch keine Rettung. Ich habe das Zelt aufgestellt und kann so eine Weile durchhalten. Aber ich kann mich nicht bewegen.“

7. Tag: „Ich konnte mein Bein nicht schienen, kollabierte zweimal, wurde vor Schmerzen bewusstlos. (...) Ich hoffe, ihr entscheidet heute, dass Walt oder Lance den Alpenverein kontaktieren, um Hilfe auszuschicken. (...) Nur mit dieser Hoffnung überlebe ich hier solange. Ich zähle auf Deine Besorgnis.“

9. Tag: „Ich habe gerade mein letztes Soja gegessen. Vielleicht kommt ein Wanderer vorbei. Kümmere Dich um unseren Buben. Verlängere die Hypothek für unser Haus. Ich möchte gute und glückliche Zeiten für Euch beide.“

15. Tag: „Unfall 16. Oktober. 16 Nächte auf dem Gletscher, nun 16 Jahre verheiratet! Eine sehr gute Ehe. Ich möchte klettern versuchen, trotz meiner Verletzungen. Das könnte unser letztes „Auf Wiedersehen“ sein.“

16. Tag: „Ich habe das Zelt verlassen, um mit übermenschlicher Anstrengung zu einem höher gelegenen Punkt zu kriechen. Ich konnte die Pistenraupe sehen und sogar Stimmen hören. Keine Rettung. Ich wollte noch höher klettern, rutschte aber zwischen zwei Felsen aus. (...) Ich habe mein Letztes gegeben. Wenn jetzt nur ein Helikopter käme.“

17. Tag: „Viel länger kann ich nicht mehr durchhalten, und jetzt fürchte ich, dass sogar meine sterblichen Überreste hier unentdeckt zurückbleiben. Auf Wiedersehen, meine wahre Liebe. Paß auf Dich und Casey auf.“

Zwei Tage später fand Oberst Andreas Staudacher den schon völlig verwirrten Verschollenen. Dessen erste Worte: "Sucht ihr nach mir?"

Karger Proviant

Aber wie konnte Weitwanderer Cichowicz denn am Berg überhaupt 20 Tage lang überleben? Kalteis kennt die Antwort: „Er war einfach in körperlicher Topform und als Weitwanderer mit Zelt, einem guten Schlafsack und auch einem Kocher bestens ausgerüstet.“
Der Proviant war karg: Er hatte ein halbes Kilo Müsli und ein Kilo Sojagranulat dabei. Getrunken hat er geschmolzenen Schnee. Und er hatte Glück, dass es für Ende Oktober relativ mild war.

Neuschnee am Tag danach

Gegen Ende war er komplett abgemagert. Im Postkartentagebuch könne man das Protokoll des körperlichen und geistigen Verfalls nachlesen, erzählt der Regisseur tief beeindruckt: „Gegen Ende hat er sich darin von seiner Frau und seinem Sohn verabschiedet.“ Hätte Staudacher ihn am 4. November 1985 nicht vom Hubschrauber aus gesichtet, wäre wohl alles zu spät gewesen: „Am nächsten Tag hat es einen dreiviertel Meter Neuschnee gegeben.“

Dreh am Dachstein

Initiiert hat die Produktion durch Metafilm Hans Peter Stauber, der einst im legendären Land der Berge-Team des ORF tätig war und nun bei den Bergwelten von Servus TV ist.

Die Spielfilmdoku mit zahlreichen Zeitzeugen-Interviews aus der Region soll heuer im Rahmen des Bergfilmfestivals „Mountainfilm Graz“ präsentiert werden. Die Ausstrahlung bei Servus TV ist noch heuer für den 25. Dezember geplant.

Diese Woche wurde am Dachsteingletscher gedreht. Die Cinestyria und auch die Tourismusregion Schladming Dachstein unterstützten die Dreharbeiten in der Steiermark.

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