Wenn zum Muttertag alles dunkel wird
Eine Selbsthilfegruppe für "verwaiste Eltern" unterstützt Mütter und Väter, die ihre Kinder verloren haben. Rund um den Muttertag tun Hilfe und Unterstützung besonders not.

Foto © Marija KanizajAm Muttertag hat heile Welt zu sein. Aber nicht alle können das teilen. Für Mütter, die ihre Kinder verloren haben, bedeutet der Tag Trauer
Kinder, die Gedichte aufsagen, die der Mama Blumen und kleine Geschenke überreichen: Das ist das Bild, das mit dem Muttertag verbunden wird. Muttertag, die heile Welt. Dass das oft nicht der Wirklichkeit entspricht, weiß jeder. Und irgendwie weiß auch jeder, dass es Mütter gibt, für die der Muttertag zu den schlimmsten Tagen im Jahr gehört. Mütter, die diesen Tag damit beginnen, dass sie an den Gräbern ihrer Kinder stehen und dass sie das Unfassbare wieder einmal wahrhaben müssen, während ein paar Meter weiter das Leben sorglos und ganz normal abläuft.
"Schon Tage vor dem Muttertag merke ich, wie sich in mir alles wieder verdunkelt ", erzählt Sabine Moises, die vor acht Jahren ihre Tochter durch ein tragisches Unglück verloren hat. Dass sie damals eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern gegründet hat, hat ihr ein wenig geholfen, anderen Betroffenen dann ebenfalls. Einmal im Monat, meist am letzten Mittwoch im Monat, trifft sich diese Gruppe im Beratungszentrum Kapfenberg. Vor dem Muttertag hat man diesen Tag vorverlegt.
Verstanden sein
Reden können vor Menschen, die das Gleiche erlebt haben, öffentlich weinen dürfen und zum hundertsten Mal dem Warum nachgehen, das hilft den betroffenen Müttern wie auch Vätern ein wenig. "Eigentlich wollte ich nicht hingehen, weil ich überhaupt nicht nach vorne blicken will und kann und in mir seitdem alles tot ist", erzählt eine betroffene Mutter, die ihren Sohn im vorigen Sommer verloren hat. Jetzt ist sie doch froh, diesen Schritt getan zu haben und eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die sie versteht. Und wenn sie dann erzählt, dass sie kürzlich im Zimmer ihres verstorbenen Sohnes einen Gutschein mit "Einen Tag mit meiner Mama" gefunden hat, der wahrscheinlich für den nächsten Muttertag oder Geburtstag gedacht war, dann darf sie in dieser Gemeinschaft ruhig weinen und weiß sich hundertprozentig verstanden.
Das Gefühl, die ganze Familie verloren zu haben, davon spricht eine andere Frau. Als Mutter ohne Kind fühlt sie sich wertlos, an den Muttertag will sie gar nicht denken. Muttertag, Geburtstag, Todestag, Feiertage wie Weihnachten und Ostern, das wissen in dieser Gruppe alle, diese Tage werden immer zu den schlimmsten zählen.
Zaghafte Freude
Wie man mit diesem Schmerz leben lernt, das dauert Jahre. "Alles wird anderes, das muss man akzeptieren, das dauert aber", diesen vagen Trost haben die, die schon Jahre damit leben. Dass man auch wieder Freude empfindet und nach vorne schauen kann, braucht Zeit. "Wenn mir mein Mann jetzt das Vergiss-meinnicht-Stöckerl bringt, das mir immer unser Bub zum Muttertag gegeben hat, dann freu' ich mich jetzt wieder drüber", berichtet eine Mutter - und ist sogar ein klein wenig stolz darauf.









