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Zuletzt aktualisiert: 18.08.2012 um 20:30 UhrKommentare

"Der Druck für Arbeitslose ist größer"

Im Februar 1974 trat der Mürzzuschlager Walter Scharler (64) seinen Dienst im Arbeitsamt Bruck an, die letzten 25 Jahre war er der Chef. Kürzlich hatte er seinen letzten Arbeitstag.

Herr Scharler, in den gut 38 Jahren, in denen Sie im früheren Arbeitsamt und spätere Arbeitsmarktservice beschäftigt waren, hat sich viel getan auf dem Arbeitsmarkt.

WALTER SCHARLER: Das kann man wohl sagen, gleich geblieben ist nur das Gebäude. Bei meinem Einstieg im Jahr 1974 hatten wir in Österreich praktisch Vollbeschäftigung, die Ära Kreisky hatte vier Jahre zuvor begonnen, und die Arbeitsmarktpolitik war sehr sozial ausgerichtet, sehr im Sinne der Arbeitnehmer.

Aber kurz vor Ihrem Amtseintritt im Jahr 1973 erlebte auch Österreich den ersten Ölschock, der an der heimischen Industrie nicht spurlos vorüberging.

SCHARLER: Naja, das wurde von der Industrie noch verkraftet, wirklich schlimm wurde es in den Achtziger Jahren, als Böhler, damals VEW, im großen Stil Leute kündigen musste. Das ging bis zu Beginn der Neunzigerjahre, da verlor die Industrie im Bezirk Bruck Tausende Arbeitsplätze.

Was bedeutete das für die Beschäftigten beim Arbeitsamt?

SCHARLER: Weil die Steiermark so strukturschwach war, hatte sie eine wichtige Vorreiterrolle bei der experimentellen Arbeitsmarktpolitik. Das war, wenn man so will, eine sehr interessante Zeit.

Was versteht man unter experimenteller Arbeitsmarktpolitik?

SCHARLER: Da war zum Beispiel die "Aktion 8000", bei der Langzeitarbeitslose und andere problematische Gruppen behutsam an die Arbeitswelt herangeführt wurden. Und zwar bei öffentlichen Vorhaben, die sonst nicht finanzierbar gewesen wären. Auf der Burg Oberkapfenberg wurde zum Beispiel auf diese Weise Vieles hergerichtet. Die Teilnehmer erwarben dort gewisse Fertigkeiten für das Arbeitsleben. Auch die BIG, die "Beschäftigungsinitiative der Gemeinden", ist ein Kind der experimentellen Arbeitsmarktpolitik.

Wie waren sonst die Bedingungen für Arbeitssuchende?

SCHARLER: Dazu eine Zahl: Damals gab es bis zu vier Jahre lang Arbeitslosengeld, heute nur noch ein Jahr. Beschäftigungsmaßnahmen oder Schulungen waren, wie der Name schon sagt, noch im Experimentierstadium. Heute ist das Standard.

Ist es richtig, dass damals auch die Kostenrechnung noch nicht so wichtig war für das Arbeitsamt?

SCHARLER: Nun, heute stellt sich stets die Frage: Für wen gebe ich wie viel Geld aus? Wir haben Vorgaben, was erreicht werden muss, und nachher wird analysiert: Was hat diese oder jene Maßnahme bewirkt - und was hat sie gekostet?

War das auch der Übergang vom "Arbeitsamt" zum "Arbeitsmarktservice"? Also von einem Amt zu einer Servicestelle, die sowohl für die Arbeitslosen als auch für die Unternehmen, die Personal suchen, da ist?

SCHARLER: Die Namensänderung hat ihren Grund in der Ausgliederung aus dem Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales am 1. Juli 1994. Seit diesem Zeitpunkt sind wir ein Dienstleistungsunternehmen öffentlichen Rechts, also kein Amt mehr.

Dem Arbeitsmarktservice wird gelegentlich vorgeworfen, dass es heute weniger die Bedürfnisse der Arbeitslosen berücksichtigt und immer stärker die Interessen der Wirtschaft. Wie sehen Sie das?

SCHARLER: Dazu muss man etwas weiter ausholen. In Zusammenarbeit von Industrie, Wirtschaft, Arbeiterkammer und ÖGB entsteht ein Arbeitsprogramm. Dabei ist es unter anderem ein wichtiger Aspekt, dass in jenen Bereichen geschult wird, die der Markt auch nachfragt.

Und stimmt es, dass dabei die Interessen der Arbeitssuchenden auf der Strecke bleiben, wie manchmal behauptet wird?

SCHARLER: Nun, wir berücksichtigen die Interessen der Betroffenen so weit wie möglich. Aber es kann nicht jede Selbstverwirklichung mit öffentlichen Geldern finanziert werden. Es hat ja auch keinen Sinn, eine Umschulung zu machen, mit der man am Markt nicht unterkommt. Das ist doch auch nicht im Interesse der Arbeitssuchenden.

Ist es heute härter, arbeitslos zu sein, als zum Beispiel vor 15 Jahren?

SCHARLER: Zweifellos. Die Menschen müssen mehr Eigeninitiative entwickeln, sie müssen sich selber um Weiterbildung bemühen - kurz: Der Druck ist sicherlich größer. Aber es ist auch im Sinn der meisten Arbeitslosen, die Zeit der Arbeitslosigkeit möglichst kurz zu halten.

Ist es auch für die Bediensteten des Arbeitsmarktservice härter geworden? Etwa durch die Vorgaben von oben?

SCHARLER: Auch hier hat sich Entscheidendes verändert. Wir sind zertifiziert, haben ein Qualitätsmanagement, es werden die Ziele formuliert und nachher die Abweichungen festgestellt. Es gibt interne Kontrollen, außerdem kontrolliert der Rechnungshof.

Also auch hier eine Verschärfung des Tempos?

SCHARLER: Das mögen manche so sehen, die andere Seite ist, dass diese Zielvorgaben und das Controlling auch Sicherheit geben. Wenn pauschale Vorwürfe kommen, können wir anhand von Daten und Fakten belegen, wie es wirklich ist.

Es sind in den letzten Jahrzehnten die privaten Arbeitsvermittler immer stärker geworden. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?

SCHARLER: Sie sind keine Konkurrenz, wie viele meinen, sondern zählen zu unseren besten Kunden. Wir kriegen laufend Vermittlungsaufträge von ihnen.

Wie sehen Sie sich, nach so vielen Jahren als Chef? Wo waren Sie besonders erfolgreich?

SCHARLER: Es ist mir gelungen, ein gutes Team zu schmieden, eine gute Gemeinschaft, die zusammenhält. Es war mir ein großes Anliegen, in schwierigen Situationen präsent zu sein und hinter meinen Leuten zu stehen. Alles in allem kann ich sagen: Ich bin stolz auf unsere Geschäftsstelle.

Gehen Sie gerne in Pension oder trauern Sie Ihrer Arbeit nach?

SCHARLER: Mich hat die Arbeit wirklich interessiert. Die Region war und ist mir sehr wichtig, und ich hoffe, dass ich sie im positiven Sinne mitgestalten konnte.

Was werden Sie in der Pension machen?

SCHARLER: Unsere beiden Töchter sind längst erwachsen und aus dem Haus. Ich werde mit meiner Frau reisen, Kulturveranstaltungen besuchen, lesen - und in Haus und Garten wartet auch viel Arbeit. INTERVIEW: FRANZ POTOTSCHNIG


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