Der Anfang vom Ende des Linksverkehrs
Ab Montag wird ein erster Teil der klassischen Südbahn von Linksverkehr auf Rechtsverkehr umgestellt. Spurensuche zwischen Geleisen.

Foto © ÖBBBleibt wohl auf Dauer: Linksverkehr am Semmering
An sich ist es nur eine Kleinigkeit, die ab Montag vor allem niederösterreichische Pendler betreffen wird: Die ÖBB-Teilstrecke Payerbach-Wien der Südbahn wird von Linksverkehr auf Rechtsverkehr umgestellt. Doch die Umstellung markiert den Anfang vom Ende der "Sonderrolle" der Südbahn: Seit ihrem Baubeginn vor mehr als 170 Jahren herrscht hier Linksverkehr.
Das hat historische Gründe: Waren doch im frühen 19. Jahrhundert die Engländer die besten Eisenbahnspezialisten. Sie exportierten ihren Linksverkehr, als die ersten großen Eisenbahnprojekte in Österreich in Angriff genommen wurden. Eines der wichtigsten Ziele der Regierung: die Verbindung von Wien nach Triest, Venedig und nach Mailand (bis 1859 bei Österreich).
Fakten
Umstellung mehrerer Strecken: Acht Bahnstrecken werden am Montag von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt; es sind Linien in Ostösterreich, die ursprünglich "links" gebaut wurden. Für die Fahrgäste bedeutet dies, dass die Züge auf anderen Bahnsteigen als bisher gewohnt eintreffen. 16 Millionen kostet die Umstellung, 80 Bahnhöfe sind davon betroffen. Die Alternative - Überkreuzungsstrecken - wäre wesentlich teurer. Folgende Strecken sind betroffen: Nordbahn von Wien-Floridsdorf bis Bernhardsthal; S7-Flughafenschnellbahn; Pottendorfer Linie; Verbindungsbahn Wien-Hütteldorf/Penzing bis Wien-Meidling - S-Bahn Wien-Meidling bis Wien-Floridsdorf; Nordwestbahn Stockerau; Laaer Ostbahn.
Großbauten im Wiener Raum: Die Umstellung wird auch deshalb nötig, weil im Dezember der 12,8 Kilometer lange Lainzer Tunnel in Wien fertiggestellt wird. Das Bauwerk, an dem seit 1999 gearbeitet wird, heißt im Volksmund "Wildschweintunnel", weil er unter dem Lainzer Tiergarten durchführt. Er verbindet die Westbahn mit der Südbahn und dem Zentralverschiebebahnhof Wien-Kledering.
Auch der Wienerwaldtunnel (Westbahn), der mit 13,35 Kilometern dann der längste Eisenbahntunnel Österreichs sein wird, geht heuer in Betrieb. Er verbindet Wien mit dem Tullnerfeld. Die Kosten betragen 617 Millionen Euro. Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h.
Größtes Bahnprojekt: In Wien gibt es künftig den Hauptbahnhof am Areal des bisherigen Südbahnhofes, der einen Großteil des Fernreiseverkehrs aufnehmen wird. Der Hauptbahnhof ist als Durchgangsbahnhof angelegt. Zwölf ÖBB-Geleise, zwei S-Bahn-Geleise und zwei unterirdische Straßenbahngeleise sollen bis 2015 fertig sein.
Schon im Dezember 2012 wird bereits ein Teilbetrieb mit vier Geleisen begonnen, 2014 soll ein integriertes Einkaufszentrum fertiggestellt sein. Man erwartet - inklusive S-Bahn - für das Jahr 2025 etwa 120.000 Reisende und 1000 Züge pro Tag. Der Baubeginn war 2009, die Gesamtkosten werden auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt.
Zwischen 1841 und 1867 wurde gebaut; ein Höhepunkt war die Überquerung des Semmerings, eine weltweit einzigartige Leistung unter Carl Ritter von Ghega. Triest konnte 1857 erreicht werden, doch die "Südbahn" (so hieß die private Betreibergesellschaft) baute einen Ast von Marburg der Drau entlang nach Klagenfurt, Villach, Spittal/Drau bis nach Franzensfeste im heutigen Südtirol. Tatsächlich war die Südbahn, die auch weitere Linien in Ungarn und Kroatien betrieb, die bedeutendste Eisenbahngesellschaft der Monarchie.
Südbahn und Südbahn
Wäre dieser Zweig (Kärnten- und Pustertalbahn, siehe Grafik) damals zweigleisig ausgebaut worden, hätte dort Linksverkehr geherrscht. Doch weil dies erst im 20. Jahrhundert gleich "rechts" geschah, fährt man in Kärnten zwischen Klagenfurt und Lienz schon lange rechts.
Was wir heute allerdings als Südbahn verstehen, umfasst die Strecke von Bruck/Mur über Leoben, Unzmarkt, St. Veit/Glan nach Villach. Das war einst die Linie eines Konkurrenzunternehmens: Sie war Teil der "Kronprinz-Rudolf-Bahn", die zwei Ziele hatte: einerseits Prag mit Triest zu verbinden und andererseits die Bergbaugebiete in der Steiermark und Kärnten zu erreichen. Damals war der Linksverkehr schon aus der Mode gekommen, man setzte daher konsequent auf Rechtsverkehr.
Ergebnis bis heute: Fährt man von Wien nach Klagenfurt, wird in Bruck das Gleis gewechselt. Fährt man von Graz nach Salzburg, findet man sich nach Bruck ebenfalls plötzlich auf der anderen Seite. Die ursprüngliche Kärntner Bahn verlor ja ihre Bedeutung, als sich nach dem Ersten Weltkrieg die Strecke plötzlich in Jugoslawien befand.
Warum wird jetzt umgestellt, wenn man gut 150 Jahre ganz nett links fahren konnte?
"Schuld" ist der neue Wiener Hauptbahnhof, denn künftig treffen dort Linien aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Man müsste sich also millionenschwere Überkreuzungsanlagen leisten, um die "linke" Südbahn in die "rechte" Westbahn zu integrieren.
Der Rest der klassischen Südbahn bleibt noch einige Zeit "auf der falschen Seite". Erst mit der Fertigstellung von Semmering- und Koralmtunnel (die "rechts" sind) wird auch Mürzzuschlag- Bruck-Graz umgestellt. Und erst dann ist das "englische Erbe" endgültig abgeschafft.
Oder doch nicht? Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die klassische Gebirgsbahn über den Semmering als Ausflugsbahn je umgebaut wird.














