"An diesem Gurt hängt mein Leben"
Klettersteige sind in. Sie erwecken den Eindruck, ein leichter Weg für die Eroberung diverser Felswände zu sein. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht bei einer "Erstbegehung" der Eisenerzer Seemauer.

Foto © Robert NiederlKlettersteige werden vielfach unterschätzt - gut vorbereitet und ausgerüstet sind sie aber eine spannende Herausforderung
Gewaltig schaut sie aus, die Seemauer am Eisenerzer Leopoldsteinersee. 900 Meter schießt sie nahezu senkrecht in die Höhe, und sie flößt schon Respekt ein. Angst? Nein. Abenteurer kennen keine Angst, Abenteurerinnen schon gar nicht. Heute ist die Eroberung der Seemauer angesagt, mittels Kaiser-Fanz-Joseph-Klettersteig. Zum ersten Mal aktiv beim Klettern. Nahverhältnis zu Felsen und der Kletterei gibt es peripher. Freunde klettern, im Gebirge aufgewachsen, Gipfel erwandert und Luis Trenker und die Huber-Buam sind ein Begriff. Ach ja, "El Capitan" in Kalifornien wurde schon gestreichelt, zumindest der erste von 1000 Höhenmetern.
Schon der Anstieg zum Einstieg ist ein gutes Training. Zum ersten Mal hat das rechte Knie direkten Kontakt mit dem Gestein. Nicht in der Senkrechten, sondern mit voller Wucht auf das den Weg pflasternde Geröll. Tut gar nicht weh, nein überhaupt nicht.
Robert Niederl vom Alpenverein und Andreas Aflenzer von den Naturfreunden stapfen mit mir in Kehren die Geröllhalde hinauf zum Einstieg. Mit Klettergurt, Sicherungsset, Faulenzer und Helm schaue ich aus wie ein Profi. Kleider machen eben Leute, egal in welcher Lebenslage. "An diesem Gurt hängt mein Leben, der muss richtig angelegt sein und sitzen. Klettersteige werden ziemlich unterschätzt", sagt Robert und deutet auf den Weg. "Wenn du ohne passende Schuhe raufgehst, hast du schon die ersten Probleme."
Das Wetter ist angenehm. Kühl, hinter Wolken blitzt die Sonne hervor. "Viele, die einen Klettersteig gehen wollen, lesen vorher die Beschreibungen nicht genau. Zum Beispiel schauen sie nicht, ob der Steig süd- oder nordseitig ist. Die Seemauer ist südseitig, da brennt die Sonne erbarmungslos herunter. "Wennst da nix zum Trinken mithast. Gute Nacht", sagt Robert kopfschüttelnd. Andy nickt zustimmend.
Null Ahnung
15 Minuten hat der Anstieg gedauert. Buhhhh. Jetzt offenbart sich das ganze Ausmaß des Vorhabens: Klettersteigeroberung mit null Ahnung. Naja, stimmt nicht ganz, eine Ahnung hab ich schon - eine schreckliche: Ich werde mir die Hände ruinieren, denn der Fels zeigt Ecken und ziemlich scharfe Kanten - spürbare. Aber hilfreiche, wie sich herausstellen wird. Sich am Felsen festzuhalten, ist manchmal angenehmer als am Stahlseil.
Und ich habe zwei entscheidende Vorteile: Robert und Andy, die mir Mut zureden und wegschauen, wenn ich - völlig unbergsteigerisch - meinen Faulenzer auch beim Nicht-Faulenzen nicht vom Seil nehme. Sicher ist sicher. Und das etwa ein Meter lange Seil, das mit meinem Gurt verbunden und mittels Karabiner am Klettersteigseil eingehängt ist, gibt mir unendlich viel Sicherheit. Und die brauche ich, denn meine Bergschuhe entpuppen sich als wenig geeignet, ständig rutsche ich am Felsen ab.
Eigentlich eine Ausrede: Es sind nicht nur die Schuhe, der Faulenzer beruhigt mich mental, denn die Angst zu fallen, auch wenn man am Seil hängt, ist ständig da. "Weißt du, dass man am Kletterstieg mit 5G ins Seil fällt, beim freien Seilklettern mit dynamischer Sicherung nur mit 2G", fragt mich Robert. Ich nicke. Reiner Selbstschutz. Natürlich habe ich es nicht gewusst. Aber fünf ist mehr als zwei, also schlimmer. Und ich denke im Moment nur noch in zwei Kategorien: "schlimm" und "schlimmer". Dabei habe ich gerade einmal 15 Meter Klettersteig hinter mich gebracht. Die Finger und Hände tun höllisch weh - trotz Handschuhen. Ich mache genau die Fehler, die Anfänger machen: Ich arbeite nur mit den Händen, ziehe mich damit hoch, lasse Beine Beine sein. Müdigkeit und zitternde Hände folgen. "Mehr als 100 Leute steigen durchschnittlich aus der Wand aus, weil sie sie unterschätzen. Rastplätze haben die Situation verbessert", erzählt Robert.
"Drück den Körper weg von der Wand, baue eine Körperspannung auf", raten mir meine beiden Kletterkameraden. Die Trittstifte, die wie kleine Stufen den Schein einer leichten Kletterpartie vortäuschen, bieten keine Erholung. Die Sohlen meiner Schuhe sind zu weich, biegen sich durch. Das tut weh.
Vorbereitet
"Der Einstieg hat zwei D-Stellen drin. Überhängend. Wenn man die ohne Probleme schafft, ist auch der Rest kein Problem", führt Robert leicht vor sich hinkletternd aus. Mittlerweile hat er mich ans Seil genommen, um mir die D-Stelle zu erleichtern. Sie hat es in sich, aber, obwohl ich schon ein wenig müde bin, macht es mir plötzlich Spaß. Auch noch, als mich Robert und Andy aus der Wand abseilen. Da weiß ich, ich komme wieder. Allerdings mit einem Klettersteigkurs, besseren Schuhen, Körperspannung, genügend Getränken und mehr Respekt, gut vorbereitet auf den Abstieg zu Fuß, der auch Zeit und Kondition in Anspruch nimmt.
Features
Klettersteig-ABC
SCHWIERIGKEITSGRADE:
A: leicht, ausreichend Griffe und Tritte, wenig steil, sicheres und wenig anstrengendes Klettern
B: mittel, flaches und steiles Terrain, gute Stand- und Rastplätze
C: schwierig, steiles Terrain, ausgesetzte Passagen und senkrechte Stellen, anstrengende, kraftraubende Passagen
D: sehr schwierig, extremes Felsgelände, ausgesetzte, überhängende Stellen mit kräfteraubenden Passagen, erfahrene Klettersteigler
E: extrem schwierig, extremes Felsgelände, überhängende Seile, anstrengende, kräfteraubende Passagen, nur für erfahrene und trainierte Klettersteigler
Die beliebtesten Klettersteige
ENNSTAL: Johann-Klettersteig; Grete Klingersteig, Edelgriesklettersteig, Ramsauer Klettersteig, Hexensteig, Johnsbach
EISENERZ: Pfaffenstein, Kaiser-Franz-Joseph-Klettersteig in der Seemauer, Rossloch-Klettersteig in der Seemauer, Kaiserschild-Klettersteig
AFLENZ-KURORT: Panorama-Klettersteig
GRAZER BERGLAND: Klammgrabensteig
ZIRBENLAND: Lukas Max-Klettersteig
AUSSEERLAND: Burgstall-Klettersteig, Loser-Klettersteig, Tonisteig









