"Wir haben 3000 Einwohner zu wenig"
Die Stadt Mariazell und ihr Umland verlieren seit Jahren an Infrastruktur und an Einwohnern. Die Bevölkerung ist sich einig: Ohne Hilfe des Landes wird es kein Überleben geben.

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Auch ein Hirsch kann ein Leithammel sein. Zumindest im Mariazellerland. Denn gestern hat das Hotel "Weißer Hirsch" seine Pforten wieder geöffnet, die es nach dem Konkurs des Vorbesitzers im Mai 2010 schließen musste. Die Neuübernahme des traditionsreichen Hotels ist ein Zeichen der Hoffnung nach einer Reihe von Pleiten, Pannen und Problemen, die das Mariazellerland in den vergangenen Jahren erleben musste. Die Infrastruktur wurde radikal ausgedünnt: Die Außenstelle des Bezirksgerichts Bruck verschwand ebenso wie die der Wirtschaftskammer, die Postzustellbasis wurde aufgelassen und das Landeskrankenhaus wurde scheibchenweise verkleinert.
Dazu kamen krasse Fehlplanungen und Fehlinvestitionen. Schlimmstes Beispiel ist das Seminar- und Veranstaltungszentrum Europeum, das vom Prestigeprojekt zum Millionengrab mutierte. Aber auch das geplante und lang ersehnte Einsatzzentrum wurde nicht gebaut. Der Grund: Es fehlten 400.000 Euro.
Wutbürger
Die beiden Mariazeller Herbert Berger und Bernhard Mandl sind "Wutbürger". Als Polizisten sind ihnen die Sorgen der Bevölkerung bekannt. Das größte Problem für die beiden ist aber das Krankenhaus. "Zumindest das LKH muss gerettet werden", sind sich Berger und Mandl einig. 2014 wird das Spital endgültig geschlossen, übrig bleibt nur eine ambulante Erstversorgung samt Notarztdienst. "Zu uns kommen 1,2 Millionen Gäste im Jahr. Was passiert mit den Opfern nach einem möglichen Busunfall, wenn es keine Akutbetten mehr gibt?", fragen Berger und Mandl und ergänzen: "Dann sind auch zwei Herzinfarkte zugleich verboten."
"Brauchen Beitrag der Zentralregionen"
Josef Kuss, ÖVP-Bürgermeister von Mariazell
Herr Bürgermeister, ist die Gemeindestrukturreform ein Rettungsanker für Mariazell?
JOSEF KUSS: Ich habe das Leitbild des Landes gestern gelesen. Meine Einschätzung: Gemeinden in Randlagen haben keine Chance mehr. Die notwendigste Infrastruktur ist auch durch Gemeindezusammenlegungen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Unser Status als Bittsteller beim Land wird weitergeschrieben.
Was können Sie als Kommunalpolitiker tun?
KUSS: Die Kommunalpolitik hat keinen Spielraum mehr. Ich habe nur eine Bitte an das Land: Es gibt Regionen, die eine Chance hätten. Dazu gehört auch Mariazell. Wir haben Zukunftsperspektiven, vor allem im Tourismus.
Welchen Beitrag kann das Land dabei leisten?
KUSS: Um uns touristisch so zu entwickeln, dass wir international konkurrenzfähig werden, müssen wir vor allem massiv in die Hotelinfrastruktur investieren. Dazu müssen wir das Land ins Boot holen. Und wir brauchen einen Interessenbeitrag der Zentralregionen, sonst werden wir Disneyland oder Naturpark.
Die vier Gemeinden des Mariazellerlandes - Mariazell, Gußwerk, St. Sebastian und Halltal - haben nach der Volkszählung 2011 zusammen nicht einmal mehr 4200 Einwohner. 1971 waren es noch mehr als 6500. "Die Abwanderung ist unser Hauptproblem", sagt dementsprechend Peter Oberrauter, Inhaber eines Farben- und Raumausstattungsgeschäfts. "Vom Seeberg bis zum Annaberg fehlen uns 3000 Leute." Wie die Abwanderung zu stoppen sei? "Hier ist das Land gefragt", sagt Oberrauter und verweist auf die fehlende Infrastruktur. "Gemeindezusammenlegungen sind schön und gut, aber dadurch kriegen wir nicht mehr Bevölkerung."
Die Abwanderung kennt kaum jemand so gut wie Egon Schrittwieser. Der Direktor der Haupt- und Polytechnischen Schule Mariazell ist aber Optimist: "Derzeit haben wir zwar einen historischen Tiefstand an Schülern, aber in vier, fünf Jahren gehen die Zahlen wieder hinauf." Doch viel Jugend wandert ab, weil es in Mariazell keine höhere Schule gibt. Wer auswärts eine solche besucht, kommt nicht mehr zurück, weil die entsprechenden Arbeitsplätze fehlen. Aber es gibt auch hier Hoffnung. Schrittwieser: "Mir haben schon Lehrer, gebürtige Mariazeller, die derzeit auswärts arbeiten müssen, signalisiert: Sie kommen, wenn bei uns Stellen frei werden."
"Wir werden die Zukunft meistern, wenn alle an einem Strang ziehen", meint Oberrauter. "Denn der Zusammenhalt ist da", ist er überzeugt. "Das haben nicht zuletzt die beiden ersten Plätze 2011 und 2010 bei der Platzwahl der Kleinen Zeitung gezeigt."
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Bild vergrößernProblemfall eins: das Mariazeller Krankenhaus. "Zwei Herzinfarkte zugleich sind verboten" Foto © TOMASCHEK
Problemfall eins: das Mariazeller Krankenhaus. "Zwei Herzinfarkte zugleich sind verboten" Grafik © TOMASCHEK
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Bild vergrößernProblemfall zwei: das Europeum. Vom Prestigeprojekt zum Millionengrab Foto © TOMASCHEK
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Bild vergrößernProblemfall drei: das Einsatzzentrum. Es war zu teuer, jetzt wird das Rüsthaus saniert Foto © TOMASCHEK













