OststeiermarkArzt setzt auf "Wundermittel" Cannabis

Patrick Thurner (34) aus Penzendorf bei Hartberg ist praktischer Arzt und Nebenerwerbslandwirt in Personalunion: In beiden Funktionen setzt er auf das „Wundermittel“ Cannabis.

Patrick, Bettina und Alexander Thurner begrünen das Feld zwischendurch mit Senf © KK
 

Cannabis und Kiffen: Viele hören das eine und denken sofort an das andere – nur an das andere. Ein Vorurteil, das viel zu kurz greift und der Hanfpflanze und all ihren Möglichkeiten bei Weitem nicht gerecht wird, ist Patrick Thurner, Arzt und Nebenerwerbslandwirt aus Penzendorf bei Hartberg, überzeugt. Durch die Debatte um die Legalisierung von Cannabis als Genussmittel sei das herkömmliche Bild der Hanfpflanze total eingeschränkt. „Cannabis wird daher meistens einzig als Synonym für diesen Bereich, nämlich zum Rauchen, gesehen“, so Thurner. In Wahrheit sei Hanf als eine jahrtausendealte Kulturpflanze weit mehr. Thurner nützt sowohl als Arzt als auch als Landwirt die Vorteile dieser Wunderpflanze, wie er sie auch nennt. Cannabis ist das lateinische Wort für Hanf.


„Die Cannabispflanze hat mehr als 400 verschiedene Inhaltsstoffe, die bei Weitem noch nicht erforscht sind, und bietet sich für medizinische Zwecke sehr gut an“, meint der Arzt. In Österreich kommen die isolierten Reinstoffe Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) in der Medizin zur Anwendung. Kiffer sind nur an einer hohen Dosierung an berauschendem THC interessiert.


In der Schmerztherapie würden Cannabispräparate bereits relativ oft eingesetzt – zum Beispiel zur Linderung von Schmerzen bei Krebserkrankungen. In dem Bereich gebe es etliche Studien, die in anderen Segmenten der Medizin momentan noch fehlen würden. „Cannabis hilft bei Rheuma, Schlafstörungen, Akne und gegen Übelkeit bei Chemotherapien. Es ist antientzündlich und schmerzlindernd“, zählt Thurner Felder der Anwendung auf. „In meiner Praxis habe ich wirklich gute Erfolge mit Cannabispräparaten erzielen können. Eine 82-jährige Patientin im Pflegeheim litt unter ständigen, starken Schmerzen. Nach kurzer Anwendung eines CBD-Präparats konnte sie die Morphintherapie ganz absetzen“, erzählt Thurner. Die Nachfrage nach Cannabispräparaten steige deutlich an und Patienten würden immer mehr danach fragen.

Verschreiben kann die Präparate jeder Arzt mit Rezeptbefugnis. Das Problem ist vor allem der Kostenersatz.

Patrick Thurner

„Verschreiben kann die Präparate jeder Arzt mit Rezeptbefugnis. Das Problem ist vor allem der Kostenersatz“, so Thurner. Diese Medikamente kosten bis zu 700 Euro und Krankenkassen seien eher zurückhaltend bei Bewilligung und Kostenübernahme – auch wegen der derzeit teils noch recht dünnen Datenlage bei vielen medizinischen Indikationen, außer in der Schmerztherapie. Thurner spricht sich sehr dafür aus, den Einsatz von Cannabispräparaten in der Medizin voranzutreiben und die Bewilligung für Patienten zu erleichtern. In Deutschland seien die Bestimmungen bereits im März dieses Jahres gelockert worden. Das geht in Thurners Augen in die richtige Richtung, bringe jedoch eine Schwierigkeit mit sich: „Die Standardisierung von Cannabispräparaten ist eine Herausforderung. Wie bei allen anderen Medikamenten auch, muss man sich darauf verlassen können, dass immer dieselben Inhaltsstoffe in konstanter Menge vorhanden sind“, sagt Thurner. Das sei auch der Grund, warum Self Growing ein Problem sei: „Die Leute züchten selbst Hanfpflanzen, ohne sich über die genaue Wirkung sicher zu sein.“

Die Plantage

In der gemeinsamen Landwirtschaft bauen die Geschwister auf 23 Hektar Hanf an. Die Hanfnüsse verarbeitet die Ölmühle Fandler Pöllau zu Hanföl. Der „Presskuchen“, Reststoff aus der Ölerzeugung, ist Basis für die Hanfmehlproduktion – fürs Mixen von Proteinshakes.
Als Arzt setzt Thurner offensiv auf CBD-haltige Cannabispräparate für völlig verschiedene Anwendungsbereiche. Im Gegensatz zum psychoaktiven THC (Tetrahydrocannabinol), das als Rauschmittel dient, ist das CBD (Cannabidiol) kaum bis nicht psychoaktiv.

Das negative Image von Cannabis habe eine lange Geschichte, die bis in die Prohibitionszeit in den USA zurückreiche: „Damals wurde neben dem Alkohol auch der Hanf als Genussmittel verteufelt.“ Auch die US-Industrie tat das Ihre dazu – in erster Linie die Baumwoll- und Ölindustrie, die offenbar das riesige Potenzial der Hanfpflanze erkannte und keine Konkurrenz aufkommen lassen wollte.


Nicht nur als Arzt – auch als Landwirt setzt Thurner auf Hanf. Auf drei bis sieben Hektar baut er mit seinen Geschwistern Industriehanf an, aus dem Hanfmehl und Hanföl hergestellt wird (siehe Infokasten). „Das Mehl und das Öl haben ein großes Spektrum an Aminosäuren und Vitalstoffen und sind auch für die vegane Zielgruppe interessant.“ Omega 3- und Omega 6-Fettsäuren seien auch reichlich vorhanden.


Die zündende Idee zur Erweiterung der bestehenden Ochsenmast mit Hanfanbau kam ihm durch den Kraftsport seines Bruders: „Er war auf der Suche nach einer alternativen Eiweißquelle. Soja ist für ihn aus ethischen Gründen wegen der Umstände des Anbaus nicht infrage gekommen. Hanfmehl hat einen Eiweißanteil von 54 Prozent.“ Die teilweise Umstellung des Familienbetriebs sei nicht einfach gewesen – „aus emotionalen Gründen“. Die Entscheidung finde zunehmend Akzeptanz bei Bauern in der Region.

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Acquario
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Es ist pervers!

Cannabis Produkte kosten 700 Euro im Monat! Na klar will die Pharmaindustrie ein Geschäft machen! Es gibt genügend medizinische Cannabisstauden - ohne Hallozinogene - das Kostet dem Verbraucher vielleicht 10Euro. Und dem Steuerzahler nichts. DAGEGEN sind die Pharmafirmen! Die wollen sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen! Man stelle sich vor niemand kauft mehr Schmerzmittel, oder Rheumamittel - jeder baut sich seine Medizin selber an...um 10 Euro! Aber wir lassen uns lieber von den Pharmariesen vergiften und verkaufen.

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koi1956
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Naja verkaufen und so....

gibt immer noch Medizinische Produkte die mehr als 700 Euro kosten(dem Versicherungsträger)Hmmm Ärzte sind wenn jeder die für sich selber die richtige Medizin hat Überflüssig???Jeder der im Kreislauf der Pharmaindustrie drinhängt will wegen des Geldes selbigen nicht verlassen!!

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