Cannabis-Boom bei SchülernKiffen ist das neue Rauchen

Grazer Schulleiterinnen, Experten und Polizei schlagen Alarm. Die Cannabis-Konsumenten werden immer jünger. Und die Eltern sehen darin oft kein Drama mehr.

Parks voller Kiffer?
Parks voller Kiffer? © Alexander Danner
 

Die Direktorin dieses Grazer Gymnasiums hat die Ferien bitter nötig. Sie hat ein hartes Jahr im Kampf gegen den Cannabis-Konsum ihrer Schüler hinter sich. Ihre Einschätzung nach diesem Jahr: „Es gibt wohl keine drogenfreie Schule in der Stadt. Cannabis ist ein Riesenthema bei Schülern, aber dagegen vorgehen zu wollen ist ein Kampf gegen Windmühlen.“ Warum? „Weil die Eltern das Kiffen selbst verharmlosen, sogar sagen, das ist mir lieber, als mein Kind trinkt Alkohol.“ Manche Erziehungsberechtigte hätten ihr gar mit dem Anwalt gedroht, statt sich Gedanken darüber zu machen, wie das Problem zu lösen sei.

Gartenbedarf?

Für so manchem Polizisten ist die österreichische Gesetzeslage rund um Cannabis eine Provokation, das verheimlicht der Grazer Stadtpolizeikommandant Kurt Kemeter nicht: „Dass der Konsum erlaubt ist, weil es keine Strafe gibt“, sei das eine. Nicht zu verstehen sei aber auch die Regelung für Hanfshops, die mittlerweile „Growshops“ heißen und sich vom einstigen Ökoschlapfen und Haschpfeiferl-Image völlig gelöst haben.

In Graz blühen solche Läden derzeit geradezu auf: Man findet in diesen Gartenbedarfshops frischgrüne Hanfstecklinge vor weiß getünchten Wänden, Spezialdünger und aluverkleidete Spezial-Zelte mit Beleuchtung, um daheim Stauden wuchern lassen zu können. Dazu gibt es Beratung, wie man legal mit den Pflanzen umgehen kann. Die weiblichen dürfen keine Blüten treiben, darin sei der psychoaktive Wirkstoff THC. Wie verhindert dies? „Die Pflanzen brauchen 18 Stunden Licht oder mehr pro Tag.“


Kemeter kann über dieses gesetzliche Schlupfloch nur den Kopf schütteln: Man könne dort völlig legal alles kaufen, um Cannabis erfolgreich in Indoor-Anlagen anzubauen. Das sei absurd.


Cannabis-Konsumenten werden immer jünger und es werden – gefühlt – immer mehr. In dieser Einschätzung sind sich Experten und Polizisten einig. „Cannabis ist salonfähig“, sagt der Suchtkoordinator der Stadt Graz“, Ulf Zeder. „Es ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, ergänzt der Suchtkoordinator des Landes Klaus Peter Ederer und Major Michael Lohnegger vom Kriminalreferat des Grazer Stadtpolizeikommandos meint illusionslos: „Kiffen ist bei Teenagern das neue Rauchen.“

Spricht man mit 15-Jährigen verschiedener Grazer Schulen, hört man: „Saufen ist doch schlimmer.“ Oder: „Ja, ich kiffe mit Freunden, wer hat das noch nicht probiert?“ Dass die Teenager, die durchaus aus gutem Hause kommen, das unaufgeregt sehen, habe mit der Haltung der Eltern zu tun, sagt Zeder: „Der Banker, der Manager und der Uni-Professor, sie haben gekifft und tun es vielleicht noch. Die sehen das also nicht so dramatisch.“

Cannabis-Konsum

Laut jüngsten Umfragen (GPS 2015) hat jeder fünfte Österreicher zumindest einmal Cannabis konsumiert. Experten schätzen, dass es gar ein Drittel bis zur Hälfte einmal versucht hat. Laut der HBSC-Studie 2014 haben 17 Prozent der österreichischen 15- bis 17-jährigen Schüler nach eigenen Angaben schon zumindest einmal gekifft.


Auch wenn Kiffen ins Lebensgefühl von Bildungsbürger-Familien zu passen scheint, dürfe man eines nicht vergessen, warnt Suchtkoordinator Ederer: „Cannabis hat eine psychoaktive Wirkung. Die Daten bestätigen, das regelmäßiger, massiver Konsum schwere schädigende Folgen für Konsumenten hat und einer Behandlung bedarf.“

Teenager, deren Gehirne nicht voll ausgebildet sind, seien stärker gefährdet. Bei entsprechender Disposition bestehe auch Gefahr von Schizophrenie.


Der globale Trend tut das Seine dazu: Der US-Bundesstaaten Colorado etwa hat Marihuana nicht nur medizinisch, sondern – reguliert für Erwachsene – auch zur „Entspannung“ freigegeben. Uruguay hat Cannabis freigegeben, Kanada will dies ab Juli 2018 reguliert tun. Die Legalisierungsdebatte grassiert auch in Europa. Jene, die dafür sind, applaudierten 2016, als das Suchtmittelgesetz in Österreich gelockert wurde. Seither müssen Konsumenten, die erwischt werden, nicht mehr vor Gericht (wo sie auch vorher schon meist straffrei blieben), sondern nur zu einer Gesundheitsberatung.

Polizei will strengeres Gesetz

Den Stadtpolizeikommandanten Kurt Kemeter wundert es nicht, dass den Jungen jedes Unrechtsbewusstsein fehlt, „wenn sie nicht einmal vor Gericht müssen.“ Die Exekutive sei für strengere Gesetzen. Denn sie durchstreift in Graz Volksgarten und Stadtpark, wo offen gedealt werde – und muss oft genug zuschauen, wie jene, die sie gestern festgenommen hat, morgen wieder im Park dealen.

Pro Tag wird in Graz ein Dealer geschnappt

Die erste Halbjahresbilanz 2017 kann sich dennoch sehen lassen: „Wir haben in Graz 186 Dealer geschnappt, statistisch jeden Tag einen, und fast 300 Konsumenten angezeigt“, sagt Major Lohnegger. Nachsatz: „Darunter waren viele Minderjährige." Insgesamt hat die Polizei in Graz in den letzten sechs Monaten rund 6,6 Kilo Cannabis beschlagnahmt. Gedealt wird meist mit 1-Gramm-Sackerln, es sind also 6600 kleine Plastiksackerln Gras aus dem Verkehr gezogen worden.

Zu 90 Prozent kriegt man am Grazer Markt Cannabis

Die Grazer Polizei, weiß aber auch, dass der Drogenmarkt in Graz derzeit "fast ein Segen ist". Denn Cannabis macht fast 90 Prozent aus, harte Drogen werden so gut wie nicht gedealt. Wie groß die Nachfrage ist, zeige aber auch das Angebot. In Volksgarten, Stadtpark und Keplerstraße sind die - gar nicht lichtscheuen Straßenhändler - unter Tags massiv unterwegs, wiegen die Ware oft sogar mitten im Park ab, bevor sie sie verkaufen. "Und da kommen natürlich viele Anrufe von Anrainern und Passanten", kann Kemeter auch berichten, dass die Akzeptanz für diese Entwicklung "natürlich nicht in der gesamten Bevölkerung gegeben ist".

Experte: Staat soll Cannabis streng reguliert freigeben

Suchtgiftkoordinator Ederer rät, Österreich solle den eingeschlagenen Weg der Drogenpolitik weiter beschreiten: „Also helfen statt zu kriminalisieren.“ Und er tritt auch für eine regulierte Freigabe ein. Der Staat solle Cannabis selbst anbauen und reguliert an Erwachsene abgeben: Dann könne sich der Staat Hunderte Millionen für die Polizeiarbeit ersparen, die derzeit ins Leere gehe – und dafür Hunderte Millionen Steuern einheben und auch in die Suchtprävention stecken.

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