Vor GerichtEmpörung: Gutachten stuft Bauernarbeit als "geistig mäßig schwierig" ein

Vorauer Obstbauer und Buschenschankwirt schäumt: "Hier wird ein Berufsbild wie aus den 1930er-Jahren gezeichnet." Empörte Landwirte fordern ihre Kammer nun auf, ein zeitgemäßes Berufsbild durchzusetzen.

Auszug aus dem Gutachten © Fotolia
 

Es ist ein kleiner Absatz für einen Sachverständigen. Aber für Bauern ist dieses Gutachten ein Schlag ins Gesicht: Die Expertise stuft Bauernarbeit als „geistig mäßig schwierig“ ein. Sie wurde eingeholt, weil ein Landwirt eine Pension wegen Erwerbsunfähigkeit beantragt hat und bei der Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) abgeblitzt ist. Er hat die Pension vor dem Arbeitsgericht eingeklagt und hält fassungslos besagtes Gutachten in der Hand.


„Als mir mein Kollege das Gutachten gezeigt hat, habe ich geglaubt, ich seh nicht richtig“, schäumt der Vorauer Obstbauer und Buschenschankwirt Anton Haspl: „Hier wird ein Berufsbild wie aus den 1930er-Jahren gezeichnet.“ An anderer Stelle stehe, dass „in der Regel die Ausbildung betriebsintern auf dem elterlichen Hof und teilweise in landwirtschaftlichen Fachschulen erfolge“, ärgert sich der Landwirt: „Das ist überholt. Fast jeder Landwirt hat doch eine Ausbildung an einer Fachschule, viele haben den Landwirtschaftsmeister gemacht.“ Bauern würden längst weit mehr leisten als „nur“ körperlich schwere Arbeit auf Feld und Hof, sie hätten mehr Kompetenzen als die Saat aus- und die Ernte einzubringen. Haspl erwartet sich, dass die Landwirtschaftskammer aktiv wird, damit man uns „im Berufsbild nicht abschätzig wie die Deppen der Nation hinstellt“.

Obstbauer Anton Haspl Foto © Bernd Hecke


Gutachter Christian Hampel ist überrascht, dass sich hier jemand in seiner Ehre verletzt fühlt: „Das tut mir leid. Aber diese Einstufung erfolgt nach einem wissenschaftlich basierten Bewertungssystem, das habe ja nicht ich mir ausgedacht.“ Die Skala sei fünfstufig und reiche von „sehr einfach“ und „einfach“ über „mäßig schwierig“ bis zu „schwierig“ und „sehr schwierig“. 50 Prozent aller Berufsgruppen fielen unter „geistig mäßig schwierige“ Arbeit: „Diese Einstufung trifft auch HAK-Absolventen oder AHS-Maturanten und sie ist nicht abwertend gemeint.“


Der Präsident der Landwirtschaftskammer Franz Titschenbacher will dennoch aktiv werden: „Wenn Menschen durch diese Formulierungen so vor den Kopf gestoßen werden, muss man etwas ändern!“


Hinter der Affäre um die Ehre steckt ein tiefer greifendes Problem für Landwirte, erklärt der Leiter der steirischen SVB, Paul Tschuffer: „Bauern haben bis 60 Jahre keinen Berufsschutz und können daher wegen Erwerbsunfähigkeit eigentlich gar nicht in Pension gehen.“ Mangels Berufsschutz sind sie nämlich, wenn sie ihren Hof nicht mehr führen können, auf leichte Hilfsarbeiterjobs zu verweisen. „Das ist ihnen demnach meist zumutbar“, sagt Tschuffer, der aber auch die Realität kennt: „Bauern über 50 kommen auf unserem Arbeitsmarkt kaum unter. Die meisten führen dann ihren Betrieb weiter, so gut es geht. Wir unterstützen sie mit Rehab-Maßnahmen.“


Der SV-Chef weiß auch, dass das Pensionssystem keine großzügigere Lösung zulässt: „Aufgrund der harten Arbeit am Hof würden sonst wohl 80 Prozent aller Bauern ab 50 Jahren wegen der körperlichen Beschwerden in Pension gehen.“

Kommentare (6)

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paulrandig
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Aber wozu die Aufregung?

Landwirt zu sein ist geistig sicher anspruchsvoller als Bierkisten in Regale zu räumen und Barcodes über die Kasse zu ziehen. Aber es ist intellektuell sicher nicht so fordernd wie beispielsweise die technische Infrastruktur für ein Krankenhaus zu planen.
Genau das heißt "mäßig": In Maßen. Das, was angemessen ist. Das, was viele, viele andere Berufe auch leisten müssen: Überblick bewahren, Situationen erfassen und beurteilen, Entscheidungen treffen, die von der Tragweite her die eigene Existenz oder auch die anderer beeinflussen können, Ressourcen bedacht einsetzen, Administration managen, verhandeln, improvisieren und und und.
Ich (Architekt, im Softwarebereich) respektiere und schätze die extrem vielschichtige Arbeit, die Bauern leisten. Ich könnte es nicht. Sie ist intellektuell sicher so fordernd wie meine. Aber auch nicht schwieriger.
Wir sind einfach die Masse: Wir machen die Masse der Arbeit und machen sie gut. Mit Hirn, Herz und Händen. Wir sind Durchschnitt. Freuen wir uns, dass der Standard doch einigermaßen hoch ist, bevor wir uns unbedingt drüberstellen müssen!

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scionescio
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Da muss man den Bauern unbedingt zustimmen ...

... allein schon, wie sie es immer wieder schaffen, ihr Berufsrisiko (Hagel, Frost, Trockenheit,etc. ) auf die Allgemeinheit abzuwälzen und trotzdem die Versicherungsleistung zu erhalten, zeigt, dass sie zumindest bauernschlau sind und eine völlig unangemessen starke Lobby haben.
Ich habe noch nie gehört, dass sie etwas an die Allgeinheit zurückgegeben haben, wenn es ein besonders gutes Jahr gegeben hat ...

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reschal
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Was ist das den...

für eine Argumentationslinie!? Sie disqualifizieren sich selbst!

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wolff02
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Gutachter

Interessant wäre wie die Arbeit des Gutachters eingeschätzt ist, geistig besonders
anspruchsvoll kann es ja nicht sein eine vorgefertigte Tabelle anzuwenden und körperlich dürfte die Eingabe der Adresse und des Ergebnisses in das Textprogramm in den Computer auch nicht sehr anspruchsvoll sein.
So gesehen müsste er schlechter abschneiden als der Landwirt ;-)

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max13
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Kaum redet einer von gerechter Teilung jaulen die Bauern auf.

Zu fordern von Förderungungen und hilfszahlunger reicht ein geistig mäßiges Gedankengut.

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paulrandig
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scionescio

Gell, es ist schon ein tolles Erfolgskonzept um sinnlos Geld zu scheffeln! Deshalb ist auch so ein Griss um jeden noch so winzigen Hof und um jeden Quadratmeter Land, weil eigentlich alle Leute Bauern werden wollen, weil sich die völlig ohne was zu tun von der Allgemeinheit fürstlich bezahlen lassen und ein Leben in Saus und Braus führen.
Wer einmal einen Hof hat hütet ihn eifersüchtig und vermacht ihn seinen Kindern, die sich im allgemeinen schon darum prügeln ihn übernehmen zu dürfen. Wartelisten auf einen Hof sind ellenlang, und nur die Schlauesten und geistig Fittesten schaffen es einen zu ergattern. Genau deshalb steigt mit der Zeit der Anteil der geistigen Elite in der Landwirtschaft, und die obige Beurteilung wird nicht mehr lange haltbar sein.
/sarcasm off/

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