Arbeitsplatzstudie

Jeder zehnte zieht sich im Job zurück

Arbeitsplatzstudie aus Graz: 42 Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich häufig belastet. Jeder zehnte zieht sich im Job zurück. „Wir haben Defizite bei Lob und Kritik“, diagnostiziert der Psychologe. Von Thomas Rossacher

Weder Lob noch Kritik: Darunter leiden laut einer Arbeitsplatzstudie aus Graz immer mehr Mitarbeiter © (c) kieferpix - Fotolia
 

Ausgebrannt, alleingelassen oder anerkannt? Die Unterschiede sind enorm, die Folgen nicht minder: So tritt bereits jeder zehnte Arbeitnehmer hierzulande bewusst auf die Leistungsbremse, weil er demotiviert und/oder überlastet ist. Das zeigt die jüngste Arbeitswelt-Österreich-Studie (AWÖ), die 2015 von der Universität Graz mit dem research-team in Kooperation mit der FCG Steiermark durchgeführt wurde. Demnach fühlen sich 42 Prozent der befragten Erwerbstätigen häufig oder stark belastet. Das mündet in ein „aktives Zurückziehen, man arbeitet bewusst langsamer“, erläutert Autor Paul Jiménez (Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie der Uni Graz). Nicht Leistungsdruck alleine, sondern mangelnde Rückmeldung und Anerkennung würden den Rückzug beschleunigen, ergänzt Franz Gosch, FCG-Landesvorsitzender und AK-Vizepräsident.


Jiménez plädiert daher dafür, sich von einer „Nicht geschimpft ist genug gelobt“-Mentalität zu verabschieden. Ehrliches Lob, gegenseitige Wertschätzung sowie konstruktive Kritik müssten sich in unserer Arbeitswelt durchsetzen. Andernfalls würden Krankenstände aufgrund psychischer Belastungen am Arbeitsplatz weiterhin zunehmen, mahnt der steirische ÖGB-Vizepräsident Franz Haberl.


Die Studiendetails betrachtet, „fällt auf, dass die Beanspruchung der Erwerbstätigen seit 2013 noch einmal deutlich gestiegen ist“, berichtet Jiménez, der mit Michaela Höfler die Ergebnisse ausgewertet hat. Interessant: Sowohl bei der „Belastung als auch in der Motivation und Demotivation gab es keine Unterschiede nach Bundesländern“.

Belastungen

So fühlten sich circa zwölf Prozent aller Befragten „sehr stark durch das Sozial- und Organisationsklima“ ihres Unternehmens belastet. Dieses Klima können beispielsweise interne Konflikte, Informationsdefizite oder Probleme bei der Zusammenarbeit mit Kunden prägen.
Weitere 30 Prozent der Befragten verschwiegen nicht, dass sie „oft belastet“ wären. Auf der anderen Seiten erlebten 39 Prozent „selten“ eine Belastung. Und 19 Prozent gaben nüchtern „keine Belastung“ an. Kurz: Die Mehrheit meldete kaum Probleme.


Aus Selbstschutz

Doch selbst in dieser Gruppe gab es solche, die erklärten, manchmal absichtlich ihre Leistung zu drosseln. Aber „in kritischen Arbeitsumgebungen und in belastenden Strukturen kommt es drei Mal so häufig dazu, dass absichtlich langsamer gearbeitet wird“, erkennen die Studienautoren einen Selbstschutzmechanismus.
Leistungs- oder Zeitdruck am Arbeitsplatz spielen dabei eine geringere Rolle als gedacht. So entscheiden sich „zwei Drittel jener Mitarbeiter, die ein Mangel an Rückmeldung und Anerkennung stark belastet, dazu, langsam zu arbeiten“, geht Gosch in die Tiefe. Das bedeutet auf der anderen Seite: „In Unternehmen mit einem kooperativen Klima und guten Bedingungen wird auch bei hoher Belastung die Leistung der Mitarbeiter nicht gleich sinken.“ Wie so ein gutes Klima, wie solche Bedingungen aussehen, das müssen die Unternehmen am Ende selbst herausfinden. Die (verpflichtende) Arbeitsplatz-Evaluierung ist ein gutes Instrument dafür, betonen die Gewerkschafter.
Freilich sind auch die Arbeitnehmer gefordert, erinnert Arbeitspsychologe Jiménez. Sei es bei der Wertschätzung anderer, wo „wir doch alle so unsere Defizite haben“. Oder in puncto Krankenstand. „Zwei Drittel der Befragten gingen mindestens einmal krank in die Arbeit.“ Selbst auf die Gefahr hin, die Kollegen anzustecken.

Kommentare (14)

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Memento mori
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Zuwenig Lob - allein gelassen - vielleicht sollten

Gruppenleiter, Abteilungsleiter, Vorstandsdirektoren - Chefs im allgemeinen - BEVOR sie mit Personalfragen betraut werden - ihre soziale Kompetenz beweisen müssen! Im Wirtschaftsstudium sollte es schon eine verpflichtende Prüfung bezüglich sozialer Kompetenz geben. Es ist auffällig - Chefs die frisch von der Uni kommen sehen Kollegen, Mitarbeiter als Untergebene die man ausbeuten kann, muss, soll! Überlegenswert wäre - Chefs die ihre Mitarbeiter nur knechten an die Öffentlichkeit zu zerren! Es ist wissenschaftlich bewiesen - daß 90% der Chefs die gleichen Hirnmuster aufweisen wie Soziopathen und Massenmörder.

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Himmelslied
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Mann muss auch bedenken das mann heute für geld viel viel viel mehr leisten muss. Ein Beispiel: mein Opa hat für sein Eigenheim mit Garten fünf Jahre dafür arbeiten müssen (70er jahre) heute zeig mir einen der sowas in Österreich ohne selbstmord-Kredite schafft. Dazu kommt noch der Druck des Staates auf die Unternehmer der wiederum angestellte auch mit einbezieht z.b. wieder ein neues steuerchen wo der Staat brav geld abzweigen kann. Aber die medien schreiben dann die Unternehmer sind schuld - immer!!!

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creed
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..gratuliere, ein reicher Opa -Politiker?

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DSV
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Das mag schon stimmen, denn damals wurde gepfuscht, was das Zeug hält. Heute wäre es undenkbar, da würde eine Anzeige die andere ablösen, bei den Nachbarn, die man heute hat! Der "Neid" hat Fuss gefasst

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Memento mori
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8
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Man muss für Geld viel, viel mehr leisten? Das stimmt! und warum?

Weil die Aktionäre Geld sehen wollen! Mit immer weniger Mitarbeitern mehr Arbeit erledigen! da klingelt die Kasse des Vorstandsvorsitzenden! Aber auch bei kleinen Firmen - 10 Mann Firma - der Chef fahrt einen Q7 - die Arbeiter und Angestellten bekommen mit Ach und Krach den Mindestlohn!
Irgendwann wird das Fass voll sein - und dann müssen diese Herren schauen daß sie davon kommen...

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Himmelslied
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Also der Q7 kommt meist deswegen zustande weil große Zuliefer Firmen den chef mit einem q7 beschenken. Dafür muss er halt z.b. für 10jahre diese Produkt anbieten. Solche Bestechungen finden sogut wie in allen Gewerben statt

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Playthegame
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@Himmelslied

Ui, da muss Ihr Opa ja super verdient haben, oder es ist ein Gartenhäuschen!
Unser Haus wurde 1969 fertig gestellt. Meine Eltern zahlten bei Berufstätigkeit beider, etwa 20 Jahre Kredite ab - obwohl schon etwas angespart waren.
Oder wollen Sie nur die "gute alte Zeit" verklären?

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ImSinneDerAgb
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Zum Glück nehmen die von der SPÖ verhandelten All-In Verträge

den Druck der Mitarbeiter. Man weiß, dass man ein Leibeigener des Unternehmens ist und braucht nicht mehr wegen der Überstunden streiten.

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Sternschnuppe8
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Lebensdruck

Ich glaube es ist nicht die Arbeit alleine, sondern die Tatsache, dass heutzutage viel mehr verlangt wird- auch privat.

- Perfekter Haushalt
- Kindererziehung
- Hohes Einkommen
- Neues Auto
- Schöne Wohnung/Haus etc.
- Urlaube
- Hobbys
- ständige Erreichbarkeit
- Gute Ausbildung mit zig Jahren Berufserfahrung

... ja und dann noch der Aspekt, dass sich das "Arbeitengehen" oftmals nicht lohnt wenn man sich die Mindestsicherung & diverse Förderungen so ansieht.

Die Menschheit sollte sich wieder auf die Grundbedürfnisse beschränken - es kommen bestimmt noch schlimme Zeiten auf unser Europa zu :(

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Ichweissetwas
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Die, die glauben Führen zu können, können gar nichts!!!

Und somit fängt der Fisch beim Kopf zum Stinken an!!! Kommt überhaupt kein Feedback, fragt man sich, warum u. wieso man überhaupt im Job anwesend ist.....Nur leider sind viele "Chef´s" besonders im Kritiküben, immmmmer dabei!

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Ichweissetwas
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Die, die glauben Führen zu können, können gar nichts!!!

Und somit fängt der Fisch beim Kopf zum Stinken an!!! Kommt überhaupt kein Feedback, fragt man sich, warum u. wieso man überhaupt im Job anwesend ist.....Nur leider sind viele "Chef´s" besonders im Kritiküben, immmmmer dabei!

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Playthegame
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@Ichweissetwas

Das kann ich so nicht bestätigen.
Ich kenne einige Chefs, die tatsächlich Führungsqualitäten haben. Genau das richtige Maß an Lob bzw. Kritik.
Oft sind es aber genau diese Kriterien, die den MA dazu veranlassen, seine Leistung zu steigern und dadurch ins Burn out zu fallen.

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DSV
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Sich ins "burn out" treiben zu lassen, das ist das Übel. Diesem Übel muss man entgegenwirken. Wer ins "burn out" geht, ist meines Wissens, selber schuld. Ich habe das nie zugelassen. Meistens war ich von einem auf den anderen Tag weg von der Firma! Mit der Selbstständigkeit war der Spuck vorbei!

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Playthegame
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Ist es nicht häufig aber so,

dass bei Lob ebenfalls der Druck - in dem Fall der Erwartungsdruck - steigt und es zu verstärkter Belastung (die sich der AN dann selbst macht) kommt?

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