Bezirks- und Gemeindesuche
Eine Stadt schrumpft sich gesund
Seit 2004 wird in Eisenerz daran gearbeitet, die Stadt für weniger als 5000 Einwohner auszurichten. Die Eisenerzer mussten lernen, nicht nur zu jammern, sondern selbst aktiv zu werden.

Foto © Johanna BirnbaumDas alte Marktschreiberhaus (Bild) und das alte Gericht wurden gelungen revitalisiert und sind nun Heimat des Stadtmuseums und der Bücherei mitten in der Eisenerzer Altstadt
Das Image, in einer sterbenden Stadt zu leben, haben die Eisenerzer satt. Und wenn das Wort "Überalterung" fällt, gibt es so manches jugendliche Zornesblitzen in den Augen der "70+"-Generation.
Dass die "guten Zeiten" in der Heimatstadt des Erzbergs schon lange vorbei sind, ist den meisten klar. Nur bei der Definition, was denn eigentlich "gute Zeiten" sind, tun sich manche schwer. War es die Zeit, als sich noch Tausende Arbeiter am Erzberg tummelten? Damals, als man sich um nichts kümmern musste, außer "am Berg" unterzukommen? Oder sind die "guten Zeiten" jene, in denen man sich endlich bewusst wurde, dass man sich den Veränderungen stellen musste? Ohne Jammerei, ohne Warten, dass jemand anderer die Sorgen abnimmt?
Der Zeitpunkt, im Jahr 2004, war nicht günstig, sich der Realität zu stellen. Er war notwendig. Die Bevölkerung sank erstmals unter 6000 Einwohner, seit 2011 sind es schon unter 5000. Für die Stadtgemeinde eine schier aussichtslose Situation. Schließlich war die Infrastruktur der Stadt auf 12.000 Einwohner ausgerichtet und damit eindeutig überdimensioniert. Allein die Schneeräumung kostete in normalen Wintern bis zu 300.000 Euro. Weniger Bewohner, weniger Einnahmen, aber noch immer viel zu hohe Ausgaben.
Fakten
Christine Holzweber, Bürgermeisterin von Eisenerz: Ein Erfolg von "re-design Eisenerz" ist, dass es gelungen ist, alle Bauträger an einen Tisch zu bekommen und gemeinsam vernünftige Lösungen für die Stadt zu finden. Es war ein Glücksfall, dass wir vom Land die große Chance bekommen haben, unseren Problemen aktiv entgegentreten zu können. Wir haben viel dabei gelernt, auch Fehler gemacht. Ich freue mich aber sehr, dass wir auf einem guten Weg sind, trotz aller Rückschläge.
Werner Nussmüller, Architekt und re-design-Initiator: Das gesamte Projekt wird in zehn Jahren erfolgreich sein, weil es einfach Zeit braucht. Das habe ich bis jetzt gelernt. Anfangs wurden wir überhaupt nicht ernst genommen, bis das erste Haus gefallen ist. Es war ein Prozess, der gezeigt hat, dass die benötigte Zeit für Umsetzungen oft unterschätzt wird. Mir geht es um die Bevölkerung, die es in die Hand genommen hat, ihre Stadt mit den neuen Gegebenheiten wieder lebenswert zu machen.
Rainer Rosegger, Soziologe und re-design-Initiator: Man merkt, dass sich in Eisenerz viel entwickelt hat, auch im kulturell-sozialen Bereich. So war das Rostfest heuer im Sommer sehr erfolgreich. Die Eisenerzer haben sich wirklich super eingebracht, mitgetan und die Gäste herzlich aufgenommen. Das Projekt "re-design" war für mich ein großer Lernprozess. Es freut mich, wie sich die Stadt in den fünf Jahren demografisch gewandelt hat. Diesen Prozess zu begleiten, war eine wichtige Erfahrung.
Eisenerz brauchte Hilfe. Der Notruf kam an. Landeshauptmann Waltraud Klasnic bestellte Gunther Hasewend zum Gesamtverantwortlichen für Eisenerz. Er sollte den Weg in eine lebenswerte Zukunft für Eisenerz koordinieren. Auch als Wegweiser für Regionen mit ähnlichen Problemen.
Gezielter Rückbau
Klasnics damaliger Stellvertreter und jetzige Landeshauptmann Franz Voves brachte einen "gezielten Rückbau" ins Spiel. Als Landeschef gab er den Eisenerzern auch die Mittel, das Projekt "Rückbau Eisenerz" anzugehen. Vier Millionen Euro, die in vier Jahresraten für Projekte in Eisenerz eingesetzt werden sollen.
Und so entwickelten sich Leitprojekte. Leer stehende Häuser wurden weggerissen, die Wohnbauträger sanierten fast 800 Wohnungen, vorwiegend im Ortsteil Trofeng und in der Altstadt. Das Land stand mit knapp sechs Millionen Euro aus Mitteln der Wohnbauförderung parat. Die Siedlung Münichtal wurde von Investoren gekauft, denen eine Feriensiedlung in Form des Erzberg Alpin Resort vorschwebt. Probleme einer roten Gefahrenzone werden, wieder mit Mitteln des Landes, behoben. Der Verkauf von 100 Wohnungen soll laut Sprecher Ludwig Staller bald über die Bühne gehen.
Auch im Münichtal entstand ein Aluminiumumschmelzwerk namens AluMelt. Schon bald stellten sich aber Probleme ein. Emissionen, technische Probleme und Anrainerbeschwerden führten zu behördlichen Schließungen. Nicht einmal ein Jahr nach dem Start eines Versuchsbetriebs ist das Unternehmen nun insolvent. Eine Weiterführung wird gerade geprüft. Ein herber Rückschlag für Eisenerz.
Erzberg
Doch es gibt ja noch immer den Erzberg. Dort wird sehr erfolgreich nach wie vor Erz abgebaut. Derzeit werden ein neues Feinerzlager und ein Wasserkraftwerk gebaut. Im Erzberg soll ein Tunnelforschungszentrum entstehen. Das "Zentrum am Berg" ist eines der "re-design"-Leitprojekte. Federführend dabei ist die Montanuniversität Leoben, Bund und Land haben kürzlich ihr Bekenntnis zu diesem Zentrum offiziell abgeliefert.
Ein weiteres Leitprojekt ist die Neuausrichtung des Nordischen Ausbildungszentrums (NAZ). Junge Spitzensportler werden dort in Lehrberufen ausgebildet und werden sportlich betreut. Jetzt sollen neue Anlagen entstehen und das Internat soll in die Innenstadt kommen. Die Weichen dafür sind gestellt, doch die Finanzierung klemmt. Fix ist eine finanzielle Absicherung des Betriebes bis 2015.
Dass zur Umsetzungen von Ideen aber auch gehört, die Menschen nicht zu überfordern, ihnen Zeit zu lassen, mussten die Verantwortlichen lernen. Ebenso wie die Eisenerzer, dass Mittun wichtig ist - bei der Kulturinitiative "eisenerZ*ART" zum Beispiel.
In der Stadt gibt es aber auch Erfolgsgeschichten, die fern des re-design-Topfs passieren: Wutscher Optik, Erzbergbräu, Erzhoamat, Blechtechnik, Napalm Records oder bkdat.
Features
Kommentar
FAKTEN
Im Jahr 2004 wurde das Projekt gestartet. Es setzt sich mit der Neuausrichtung der durch Abwanderung und einer vorwiegend älteren Bevölkerung schrumpfenden Stadt Eisenerz auseinander.
Das Land Steiermark ließ sich die Neuausrichtung (Projekte, Wohnbauförderungen etc.) bis jetzt 9,6 Millionen Euro kosten.






















