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"Adelig kann jeder sein"
Adelstitel sind in Österreich verboten. Eine angedachte Wiedereinführung sorgt für Kritik - auch in der Aristokratie. "Adelig kann jeder sein, der sich edel gegenüber der Gesellschaft benimmt," so der Tenor.

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Der letzte große Auftritt des heimischen Adels im öffentlichen Bewusstsein war mit Tränen unterlegt. Im Rahmen mehrtägiger Begräbnisfeierlichkeiten wurde im Juli 2011 von Otto Habsburg-Lothringen, dem ältesten Sohn des österreichischen Kaisers Karl I., Abschied genommen. Vom "Zugrabetragen" der ehemaligen Monarchie war damals metaphernschwer die Rede.
Tatsächlich von seiner kaiserlich-königlichen Vergangenheit abgenabelt hat sich die Republik aber bereits 1919. Damals beschloss die provisorische Nationalversammlung das "Gesetz zur Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden und gewisser Titel und Würden". Bei einem Verstoß gilt bis heute eine Strafe von bis zu 20.000 Kronen. Hochgerechnet 14 Cent.
"Die Zeiten sind vorbei"
Geht es nach Ulrich Habsburg-Lothringen, könnte dieses Verbot von Adelstiteln ohnehin gelockert werden. Der Nachfahre des Kaiserhauses hat bei einer Historikertagung in Braunau vorgeschlagen, Adelstitel - wie in Deutschland - als Teil des Familiennamens wieder einzuführen. Ein berechtigter Vorstoß?
"Die Zeiten sind vorbei", glaubt Ferdinand Orsini Rosenberg, Nachkomme eines alten südoststeirischen Adelsgeschlechts, dessen Vater in der Monarchie den Titel "Reichsfürst" getragen hat. "Die Diskussion jetzt wiederzubeleben, bringt nicht wirklich etwas", findet auch Franz Harnoncourt-Unverzagt, Ururenkel Erzherzog Johanns. Für den Doyen der steirischen Aristo-Szene "sieht es zu sehr nach einem Streben nach Privilegien" aus. "Echter Adel", definiert er eine zeitlose moralische Anforderungskomponente, "ist der Adel des Charakters". Ins selbe Horn stößt Andreas Bardeau, in der aristokratischen Nomenklatura "Graf" mit Stammsitz auf Schloss Kornberg: "Adelig kann jeder sein, der sich edel gegenüber der Gesellschaft benimmt." Wenn man demnach "das lebt, zu dem einen die Geschichte, die Tradition und die Werte der Familie gesellschaftlich und kulturell verpflichten, braucht man keine Titel". Zu hören bekommt man sie trotzdem. So wird Franz Mayr-Melnhof, Clan-Vorsitzender des 1434 erstmals erwähnten und heute weitverzweigten Adelsgeschlechts, sowohl von den Mitarbeitern in den familieneigenen Betrieben als auch von Politikern wie selbstverständlich "Herr Baron" angesprochen. Das ist ihm zwar bisweilen unangenehm, wehren kann er sich dagegen aber nicht. Adel verpflichtet eben - zumindest das nichtadelige Gegenüber.
Noble Zurückhaltung herrscht beim Adel von heute auch beim politischen Streben nach Macht. Zumindest hierzulande. Denn während der im Oberen Murtal verwurzelte Karl Schwarzenberg in Tschechien Außenminister ist, war der 2008 auf seinem Familienschloss Waldstein bei Übelbach verstorbene Kaiser-Enkel Vincenz Liechtenstein der bislang letzte Adelige im National- oder Bundesrat. Man hat sich andere Betätigungsfelder gesucht (siehe Grafik). Viele sind für die Steiermark in wirtschaftlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht aber weiterhin prägend beziehungsweise im Ausland erfolgreiche Unternehmer. Umgekehrt wurde das Ansehen der Aristokratie zuletzt durch gerichtsanhängige Affären (Herberstein, Mensdorff-Pouilly) zerkratzt, wodurch sich ein neidgetriebenes Vexierbild einer im Wohlstand schwimmenden Kaste verfestigt hat. Tatsächlich waren und sind viele Besitze aber zu klein, um wirtschaftlich geführt werden zu können. Sie verfallen oder mussten verkauft werden.
In Deutschland ist die Verarmung des Adels längst zum Geschäft geworden. Agenturen bieten für fünfstellige Euro-Beträge Adelstitel von Familien an. Ein dem Erwerb von Wunschkennzeichen ähnliches Verkaufsmodell durch den Staat kann sich Ulrich Habsburg auch für Österreich vorstellen, bleibt damit aber eine einsame Stimme. "Absolut abzulehnen", wehrt Harnoncourt-Unverzagt ab: "Weil irgendwer, der sich das leisten kann, dann glaubt, etwas Besseres zu sein."




















