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Zuletzt aktualisiert: 22.09.2012 um 20:30 UhrKommentare

Der Kreis öffnet sich

Protestyoga, Politik im Park, ungehorsame Pflanzen und ein Wodka pro Versprechen: Wir haben 24 Stunden im Marathon-Camp des steirischen herbst in Graz durchgemacht.

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Alles ist möglich im 24 Stunden/7 Tage-Marathon-Camp in der Grazer Thalia. Eine Ausstellung besuchen um 23 Uhr, sich neben einer Femen-Feministin um ein Frühstück anstellen, sich, wenn die Müdigkeit einen befällt, in eine Schlafkoje verziehen oder täglich um fünf Uhr früh zu einer Expedition aufbrechen. "Daybreak into the city" nennt das Theater im Bahnhof (TiB) diese Ausflüge zu den Auswüchsen Grazer Politik. Dafür aufzustehen (oder sich frühmorgens in der Bar aufklauben zu lassen) lohnt sich.

Was passiert um fünf Uhr früh? Während Partytiger die Nacht auf der drehenden Tanzfläche in die Länge ziehen, schreiten rund 30 Unerschrockene in den Stadtpark, rücken, in Decken gekuschelt, zusammen und lauschen einer im Vorjahr tatsächlich gehaltenen Rede des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl (ÖVP). Thema: "10 Jahre Menschenrechtsstadt Graz". Die absurden Themen: Atomkraft oder der gute Grazer Westen. Auf Englisch übersetzt und live performt von TiB-Damen und mutigen Zusehern. Am Ende: Frühstück bei Sonnenaufgang. Falls man dann noch nicht munter ist, hilft die kalifornische Tänzerin und Yoga-Trainerin Sri Louise nach. Täglich um 7.30 Uhr weckt und streckt sie politischen Protest in uns: gesungen wird auch. So laut, dass der eine oder andere Stipendiat ein Stockwerk darüber wach sein dürfte.

Waffen gegen Spielzeug

Ist man aufgewärmt, geht's ans Eingemachte - unabhängig von der Uhrzeit: Vorträge, Talkshows, Taktik-Einheiten. Französische Hausbesetzer, serbischer "Laughtivism" (in etwa: Lach-Aktivismus), deutscher Queer-Feminismus, hawaiianische Zeichentrickkatzen, die über den Umgang mit Ureinwohnern aufklären - die Themen wechseln im 30- bis 60-Minuten-Takt auf der Next-Liberty-Bühne und werden meistens in "Open Marathons" fortgesetzt.

Kein einziger Platz blieb bei Antanas Mockus, kolumbianischer Politiker mit unkonventionellen Methoden, frei. In den Problembezirken von Bogota ließ er Bibliotheken bauen, Pantomimen regelten den Verkehr, Waffen wurden gegen Spielzeug getauscht. Und: die Zahl der Todes- und Verkehrsopfer reduzierte sich. Drastisch. "Von ihm könnte man in Graz viel lernen", merkt eine Zuhörerin an. Der Austausch von Taktiken und Praktiken ist Strategie, Ziel und Zweck. Wichtiger Motor im Camp-Labor: die Generalversammlung, täglich ab 14 Uhr. Aktivisten, Künstler und Stipendiaten sitzen nach 24 Stunden erstmals im Kreis und diskutieren. Zuerst einmal darüber, worüber sie diskutieren wollen und wie.

Bei "The Haircut before the Party" bleibt das offen. In der Klosterwiesgasse 5 kann man sich auf den Sessel setzen und dabei werden gesellschaftspolitische Themen angeschnitten. Konkreter werden Davis Freeman und Jerry Killick bei "7 Promises", ihrer TV-Prediger-Performance. "Ich verspreche, ein Jahr lang nicht zu fliegen!" - "...sechs Monate keine Kleidung zu kaufen!" - "...keine Kinder zu bekommen!" Schwüre, die sie dem Publikum für ein Stamperl Wodka abringen. Alkohol gegen moralische Kosten: um Mitternacht funktioniert das bestens.

Tanzen und pflanzen

Gepredigt wird auch im Musikprogramm: Der kongolesische HipHop-Star Lexxus Légal rappt für Menschenrechte in seiner Heimat. Harte Worte für die Politik, aber tanzbare Worte.

Im Fenster-Turm hat die Amerikanerin Katherine Ball ihren Garten des biologischen Ungehorsams gepflanzt: "Kein schöner Garten, sondern Raum für Experimente", sagt sie. Experimentiert wird mit mutierten Fruchtfliegen, Pestizid-restistenten Pflanzen und der Pilzart Schopftintling, der eine solche hydraulische Kraft entwickelt, dass er Asphalt brechen kann. Wie stark er wuchert, ist noch bis Freitag im Camp zu beobachten.

NINA MÜLLER, JULIA SCHAFFERHOFER

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