Bezirks- und Gemeindesuche
Feuerwache am Pulverfass Kosovo
13 Jahre nach Kriegsende wird der Anteil steirischer Soldaten im Kosovo kräftig aufgestockt. Ein Streifzug durch ein Land, das nicht zur Ruhe kommt.

Foto © DUNSTKontrollposten im serbischen Teil
Vier Kinderfinger machen den Unterschied und offenbaren den tiefen Graben. Mit Begeisterung streckt der schwarzhaarige Bub am Straßenrand vor Prishtina alle fünf Finger in die Höhe und winkt, jedes Mal, wenn die olivgrünen Autos mit dem KFOR-Zeichen auf der Seitentür und dem Adler auf der Nummerntafel vorbeirauschen. Nur ein paar Kilometer weiter, in der serbischen Enklave Gracanica, nehmen die Kinder nur einen Finger zur Begrüßung der Soldaten: den ausgestreckten Mittelfinger.
Auch 13 Jahre nach Kriegsende scheinen im Kosovo die Gräben zwischen albanisch dominierter Mehrheit und serbischer Minorität schier unüberwindbar. Vor allem am serbischen Nordzipfel des Landes, wo man die Grenzen und die von Kosovo-Albanern gestellte Regierung in Prishtina nicht anerkennt.
"Handgranaten-Anschläge gibt es hier jeden Tag, nur nimmt im Ausland niemand mehr Notiz davon", sagt Brigadier Johann Luif. Er war bis letzte Woche ein Jahr lang Vizekommandant der 5500 Soldaten aus 30 Ländern, die an der Nato-Mission im Kosovo (KFOR) teilnehmen. Täglich kämen hier auch die aktuell 360 heimischen KFOR-Soldaten (die Steirer stellen mit 83 Mann das größte Kontingent) in brenzlige Situationen, im Herbst 2011 wurden elf heimische Soldaten bei Unruhen im Nordkosovo verletzt.
Rund um die geteilte Stadt Mitrovica werden ab Oktober 150 zusätzliche Soldaten stationiert, der Großteil aus dem Jägerbataillon 17 aus Strass. Ihr Auftrag: die Lunte löschen, die an diesem Pulverfass täglich neu entflammt. Was die Soldaten dort erwartet? Steinige Hohlwege im Wald, die von jenen als versteckte Grenzübergänge genutzt werden, die die offiziellen nicht akzeptieren; Autofahrer, die ihre Nummerntafel - so sie überhaupt eine haben - an neuralgischen Punkten abmontieren, damit niemand ihre Herkunft errät; Polizisten, die ein Gehalt aus Prishtina bekommen, aber ein höheres zweites aus der serbischen Hauptstadt Belgrad; sowie eine tägliche Katz-und-Maus-Jagd mit serbischen Nationalisten, bei der die Österreicher einen strategischen Punkt einnehmen.
Schlacht der Nerven
Mit Stacheldraht, Betonsperren und gepanzerten Autos kontrollieren KFOR-Soldaten eine steile Zufahrtsstraße Richtung Mitrovica. Ihr Fernglas richtet sich stets auf ein benachbartes Straßenstück. Sobald dort "Road-Blocker" mit einem rot-blau-weißen Container (die serbischen Landesfarben) die Straße zum kosovarischen Landesteil absperren, greifen die Soldaten nicht mehr direkt ein (weil dabei im Vorjahr 100 von ihnen verletzt wurden), sondern verriegeln ihrerseits auch das Straßenstück Richtung Serbien. In der Hoffnung, die dann eingekesselte Bevölkerung möge die Road-Blocker zum Aufgeben bewegen. Ein Gleichgewicht des Schreckens.
"Es findet wohl erst ein Ende, wenn serbische und kosovarische Regierung endlich miteinander reden", sagt Luif. Bis dahin sei auch nicht an einen KFOR-Abzug zu denken. Die Probleme mache nicht die Bevölkerung, die unter hoher Arbeitslosigkeit leide, sondern Leute, die von der organisierten Kriminalität dafür bezahlt würden. "Die Menschen selbst sind einfach nur noch müde. Sie wollen diesen Konflikt nicht mehr." Sondern lieber Arbeit.
Sonderkommando am Brennpunkt Brücke
Prishtina. 160 österreichische KFOR-Soldaten sind in der Hauptstadt Prishtina stationiert. Viele von ihnen (Aufklärungskompanie, Militärpolizisten) rücken jedoch ständig in Richtung Norden aus, wo es derzeit die meisten Unruhen gibt. Leutnant Christian Storm von der Militärstreife der Grazer Gablenz-Kaserne zum Beispiel ist als Zugskommandant der Spezialeinheit MSU bei der Bewachung der Austerlitz-Brücke im Einsatz, deren Straßensperre in der Stadt Mitrovica den serbischen Nord- und den albanischen Südteil trennt. "Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen."
Multinationale Transportkompanie
Prizren. 174.000 Kilometer haben die 76 heimischen Soldaten der Transportkompanie gemeinsam mit Soldaten aus der Schweiz im letzten halben Jahr abgespult. Sie sind im deutschen Camp in Prizren stationiert, jedoch täglich bei Berge-Einsätzen, Diesel- oder Containertransporten im gesamten Gebiet des Kosovo unterwegs. Unter ihnen auch der Feldbacher Stabswachtmeister Dietmar Hödl, der sich aktuell bereits auf seinem 20. Auslandseinsatz befindet. "Abenteuer, gutes Geld. In den letzten zehn Jahren war ich zusammengerechnet nur ein paar Monate daheim."
Sie fühlen den Puls in der Bevölkerung
Suhareka. Jeweils acht heimische Soldaten leben im Kosovo in zwei sogenannten "Feldhäusern" mitten unter der Bevölkerung. Ihr Auftrag: "Den Puls in der Region zu fühlen. Wie ist die Stimmung, was sind die Probleme der Menschen?", erklärt Oberleutnant Franz Seifried. Der Eggersdorfer Milizoffizier bewohnt mit sieben weiteren Soldaten, die speziell auf Gesprächsführung geschult wurden, ein Haus in Suhareka, das auch Sprechstunden für die Bevölkerung hat. "Dadurch weiß die KFOR besser, was im Land wirklich los ist."
Spezialeinsatz bei Ausschreitungen
Peja. 112 heimische Soldaten sind seit Auflösung des österreichischen "Camp Casablanca" im "Villagio Italiano" im Westen des Kosovo stationiert. Spezialisiert ist die heimische Truppe "Alpha-Coy" auf Eingriffe bei Massen-Demo-Ausschreitungen. "Wir Österreicher werden hier für unsere gute Ausrüstung geschätzt, wir sind die Einzigen, die nicht-tödliche Waffen wie Wasserwerfer oder Tränengas einsetzen dürfen", erklärt Oberleutnant Gerhard Köck. Der Miliz-Offizier aus Judendorf-Straßengel ist bereits auf seinem vierten Auslandseinsatz im Kosovo.
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Mittendrin: Franz Seifried Foto © DUNST
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20. Auslandseinsatz: D. Hödl (rechts) Foto © DUNST
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Köck: "Wir haben beste Ausrüstung" Foto © DUNST
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Christian Storm, Militärpolizei Foto © DUNST























